Von Hans Wilhelm Vahlefeld

Hongkong, im August

Das 48stündige Ultimatum der chinesischen Regierung an Großbritannien zur Freilassung verhafteter kommunistischer Journalisten und zur Aufhebung des Verbots dreier maoistischer Zeitungen in Hongkong verstrich. Rote Garden in Peking erhielten schon Anweisungen zum Sturm auf die britische Gesandtschaft. Da lud der kommunistische Millionär und Zeitungsverleger Fei Ming einige ausländische Korrespondenten zu einer Pressekonferenz ein. Fei Ming strahlte allen Charme eines chinesischen Mandarins aus. Und seine Zuhörer waren sehr aufmerksam. Ist Fei Ming doch jener Spitzenfunktionär der Maoisten von Hongkong, um den sich die meisten Gerüchte ranken! So haben die Russen beispielsweise verbreitet, daß Mao Tse-tung mit Hilfe dieses auf allen internationalen Parketts gewandten Großverdieners, private Gelder auf sichere Konten in der Schweiz transferiere. Nun sind ähnliche Gerüchte über das Rätsel der „Schizophrenie“, daß einer sehr reich und doch Kommunist ist, freilich auch von den Hongkonger Kolonialbehörden tropfenweise unters Volk gebracht worden, worauf Fei Ming das britische Informationsamt eine Zentrale „stinkender Verleumder“ nannte.

Mit dem roten Mao-Abzeichen auf weißem Oberhemd versuchte der Verleger der führenden kommunistischen Tageszeitung „Ta-Kung-Pao“ auf seiner Pressekonferenz den Eindruck zu erwecken, als stünde das benachbarte 700-Millionen-Volk der Chinesen geschlossen hinter den antibritischen Aktionen der Hongkonger Maoisten. Fei Ming wiederholte dabei fast wörtlich, was einige Tage zuvor die Pekinger „Volkszeitung“ geschrieben hatte: Hongkong sei von alters her chinesisches Gebiet. Früher oder später werde das chinesische Volk dafür sorgen, daß ganz Hongkong zum Mutterland zurückkehrt. Es sei idiotisches Wunschdenken, wenn die Briten annähmen, sie könnten das große chinesische Volk daran hindern, den „Brüdern und Schwestern“ in der Kolonie beizustehen.

Es waren drohende Worte, doch waren sie nicht gerade neu. Und obwohl im gleichen Augenblick, als Fei Ming sie aussprach, pathetisches Donnerrollen diesseits und jenseits der Grenze ertönte, haben sie die vier Millionen Einwohner der Kolonie nicht aus der Ruhe gebracht. Die Hongkonger kannten in diesen Abendstunden, da Rotgardisten im zweitausend Kilometer entfernten Peking die britische Gesandtschaft verwüsteten, nur ein einziges, ganz unpolitisches Thema: „Wir haben wieder Wasser!“ Die tropischen Stürme Iris und Kate hatten nämlich so gewaltige Regenmengen gebracht, daß die Reservoirs überliefen und die Wasserrationierung – alle vier Tage vier Stunden – vorübergehend aufgehoben wurde. Vorübergehend – denn seit Montag gibt es pro Tag nur noch vier Stunden lang Wasser.

Die Leute in Hongkong haben allerlei Gründe, sich von ultimativen Forderungen aus Peking, nicht schrecken zu lassen. Nach allen Erfahrungen der vergangenen Monate herrscht die Auffassung, daß die Unruhestifter in der Kronkolonie bei weitem nicht so stark sind, wie sie glauben machen möchten. Peking schürt zwar die züngelnden Flämmchen von Unruhen, – Streiks und Attentaten. Aber wenn es tatsächlich entschlossen wäre, Hongkong zu liquidieren, könnte es noch andere Mittel als Geld und Druckerschwärze gegen die „faschistischen Unterdrückungsmethoden der britischen Imperialisten“ einsetzen. Ein Telephonanruf aus Peking würde genügen, so schrieb die Londoner Times, und das nicht zu verteidigende Hongkong wäre erledigt. Aber bis heute scheint Peking das entscheidende Ferngespräch an seine Gesinnungsfreunde in der Kolonie noch nicht angemeldet zu haben.

Die politische Spannung um Hongkong begann im Mai. Die Kommunisten demonstrierten damals vor dem Amtssitz des britischen Gouverneurs, sangen revolutionäre Lieder und brüllten im Chor Mao-Zitate. Die Engländer reduzierten die Demonstrations-Kolonnen auf Gruppen zu zwanzig Mann – die Maoisten gehorchten. Der nächste Schritt war ein grundsätzliches Versammlungsverbot – die Maoisten gehorchten. Noch immer aber plärrten ihre Propagandalautsprecher. Ab morgen sei auch das verboten, erklärten die Engländer – die Maoisten gehorchten. Vorerst klebten sie weiterhin Plakate mit aufrührerischen Parolen an Autobusse und Straßenbahnen. Entsprechende Strafbestimmungen wurden erlassen – die Maoisten gehorchten.