Von Heinz Michaels

Auf der Solitude, der Stuttgarter Motorrennstrecke, geht es rund. Die NSU-Motorenwerke fahren dort in eine Auto-Zukunft: Deutschlands Kleinwagenfabrik stellt der Öffentlichkeit das ambitionierteste und sensationellste Automobil vor, das nach dem Krieg vom Montageband eines deutschen Unternehmens gelaufen ist, das erste „Wankel-Auto“, genannt „Ro 80“.

Sicher, es gibt schon Autos, die mit einem Wankelmotor betrieben werden. Etwa 3000 NSU-Sportwagen „Spider“ sind in der Bundesrepublik zugelassen. Doch das war eher ein Großversuch mit Hilfe experimentierfreudiger Kunden, bei dem man einen Drehkolbenmotor in ein herkömmliches Auto eingebaut hat.

Beim Ro 80 – NSU-Pressesprecher Westrup: „Ein besserer Name ist uns leider nicht eingefallen“ – ging die erste Konstruktionsidee schon von dem neuen Motor aus, der in dem heißen Börsensommer 1960 eine wilde Spekulation ausgelöst hatte. Über 3000 Mark wurden damals für eine 100-Mark-Aktie des Neckarsulmer Unternehmens gezahlt. Heute notiert NSU mit 375.

Mit Ro 80 stößt das NSU-Werk, das sich bisher mit Ein-Liter-Modellen begnügt hatte, gleich ganz nach oben durch. Nach Leistung (115 PS), Größe und Preis (14 150 Mark) gehört das Wankel-Auto zur Spitzenklasse und damit in jene Kategorie, für die sich in der Bundesrepublik etwa zehn Prozent der Autokäufer entscheiden.

Ro 80 ist die goldgeränderte Visitenkarte des Unternehmens. NSU-Chef Dr. Gerd Stieler von Heydekampf hofft bescheiden auf einen Absatz von 1000 Autos in diesem Jahr und plant auch künftig nur eine Tagesproduktion von 50 Wagen dieses Typs. Der Motor allerdings – eben der Wankelmotor – ist inzwischen schon nicht mehr ganz so neu. Nach der offiziellen Werkchronik wurde das erste Aggregat vor über zehn Jahren, am 1. Februar 1957, auf einem Prüfstand der NSU-Forschungsabteilung angeworfen – und lief. Die Idee zu der Neukonstruktion hatte Felix Wankel etwa drei Jahre früher gehabt.

Das bei allen Automotoren übliche, aber umständliche Verfahren, die Kraft der Verbrennungsgase durch einen Kolben über eine Pleuelstange auf die Kurbelwelle zu übertragen, ersetzte Wankel durch einen Drehkolben, der den Verbrennungsdruck direkt in eine Drehbewegung umwandelt. Erfolg: Der Motor wird einfacher, das Gewicht geringer, die Laufruhe größer. Und das Wichtigste: „Bei gleich starken Motoren ist die Produktion des Wankel ein Drittel billiger“, sagt Gerd von Heydekampf.