Erst mußte Blut fließen. Ein südvietnamesischer General, aufgebracht über die scheinbar unstillbare Rivalität zwischen seinen Kollegen Ky und Thieu, riß sich die Sterne ab. Dabei schnitt er sich in den Finger. Seine ungewöhnliche Rücktrittsdrohung machte den Weg frei: Premierminister und Vize-Luftmarschall Nguyen Cao Ky beugte sich dem Mehrheitsbeschluß des Generalsdirektoriums und ließ Junta-Chef Nguyen Van Thieu den Vortritt bei der Nominierung des Präsidentschaftskandidaten. Am kommenden Sonntag wird Ky auf der Liste der Militärs als Nr. 2 nur für das Amt des Vizepräsidenten kandidieren. Die Einheit der südvietnamesischen Armee, durch viele Putsche und Säuberungen in den letzten Jahren arg angeschlagen, wurde in jener Sitzung des Führungsrates vor einigen Wochen noch einmal gerettet, zumindest für die Zeit bis zur Wahl.

Seit der CIA den Präsidenten und Diktator Diem aufbaute, taucht bei jedem Regierungswechsel in Saigon sogleich das meist nicht unbegründete Gerücht auf, die amerikanische Schutzmacht habe ihre Hände im Spiel. Diesmal war es Botschafter Ellsworth Bunker, der auf sehr behutsame Weise den Ereignissen ein wenig nachhalf. Nichts konnte den Amerikanern unerwünschter sein als eine Spaltung in der südvietnamesischen Armee. Darum lud Bunker die beiden Kampfhähne Thieu und Ky zum Tee und malte ihnen die Folgen aus, falls bei der Wahl, die den Amerikanern als Alibi vor der Weltöffentlichkeit so dringend erwünscht war, nicht die Militärs – neben den Vietcongs die einzige ernst zu nehmende Kraft im Lande –, sondern irgendein schwächlicher Zivilkandidat siegen würden.

Bunkers Ermahnungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Frage ist nur, ob das Endresultat den amerikanischen Erwartungen entsprach. Denn Marschall Ky war, seit den „Gipfeltreffen“ von Honolulu und Manila, ihr Mann. Ließ er es auch im Umgang mit seinen Verbündeten bisweilen bewußt an Takt fehlen, um bei seinen Landsleuten nicht in den Geruch eines US-Söldlings zu geraten, so neigte er doch den Ratschlägen der Amerikaner eher sein Ohr als General Thieu, der seit dem Putsch vom Juni 1965 als „Staatsoberhaupt“ fungiert.

Thieu jedenfalls fühlte sich durch das Gespräch mit Bunker ermuntert, seinen Rivalen Ky schachmatt zu setzen. Nicht nur Ky, auch die Weltöffentlichkeit hatte den ein wenig unscheinbaren General unterschätzt. Die letzten Jahre stand immer Ky im Vordergrund; ihm hatte Thieu schon vor zwei Jahren die politische Dreckarbeit überlassen. Da sich Thieu nicht so in Pose setzte wie der kleidernärrische Ky und auch nicht über eine so behende und spitze Zunge verfügte, blieben seine Erklärungen meist unbeachtet. Auf Bildern, die ihn im Kreis der Generale oder neben Ky zeigen, wirkt er so, als sei er rein zufällig daraufgeraten. „Er ist kein Napoleon“, bemerkte einmal ein hoher US-Offizier über ihn, „aber vielleicht braucht dieses Land weniger Napoleons und mehr solide Fachleute.“ Wahrscheinlich hat jener Beobachter inzwischen gelernt, die verschlossenen, zuweilen verschmitzten Züge des kleinen Generals richtig zu deuten. Wer sich durch so viele Putsche im Sattel gehalten hat (von sechzig Generälen sind seit 1964 mehr als zwei Drittel entmachtet oder verjagt worden), der kann so unbedeutend nicht sein.

Thieus Karriere entbehrt allerdings des Glanzes. Der Sohn wohlhabender Eltern stammt aus einer der ärmsten Gegenden Südvietnams. Erzogen wurde er auf einer katholischen Schule in der alten Kaiserstadt Huè. 1946, mit 23 Jahren, trat er in die „Nationalarmee“ ein; mit den Franzosen zusammen kämpfte er gegen die Vietminh. In den fünfziger Jahren erweiterte er seine Kenntnisse auf amerikanischen Militärakademien. Als im November 1963 Präsident Diem gestürzt wurde, befehligte Thieu eine Infanteriedivision nördlich Saigons. Ohne ihn wäre der Putsch kaum gelungen. In einigen der nun rasch aufeinanderfolgenden Kabinette saß er als stellvertretender Ministerpräsident und als Verteidigungsminister.

Bei seinem Aufstieg zur Macht kamen ihm verschiedene Vorzüge zustatten: Thieu war um etliche Jahre älter als die anderen „Jungtürken“; er hatte sich keiner Partei, keiner konfessionellen Gruppe, keiner Clique verschrieben, so daß er als Mann des Ausgleichs geradezu prädestiniert erschien; seine antikommunistische Gesinnung war über jeden Zweifel erhaben; als einer der reichsten Grundbesitzer im Mekongdelta war er bei den tonangebenden Gesellschaftskreisen wohlgelitten; vor allem aber setzten die Amerikaner auf ihn, die ihn als umgänglichen, witzigen Verhandlungspartner schätzten. Stets ruhig und sachlich argumentierend, wirkte der ergraute Pfeifenraucher Thieu schon äußerlich als mäßigendes Gegengewicht gegen Heißsporne vom Schlage Kys.

Thieu weiß, wie stark er ist. Seine Verachtung für die zehn zivilen Gegenkandidaten, deren Namen vielen Wählern unbekannt sind, konnte er durch nichts besser demonstrieren, als daß er, entgegen den Wahlkampfregeln, nur ein einziges Mal mit ihnen auf einer gemeinsamen Wahlveranstaltung auftrat. Und er vertraut auf sein Glück. Als die Kandidaten im Fernsehen vorgestellt wurden, ließ er sich den neunten Platz reservieren. Neun gilt in Vietnam als Glücksnummer.