Bericht über eine Reise nach London (I)

Von Uwe Nettelbeck

John Hopkins, der zusammen mit Miles den Verlag „Lovebooks“ gegründet hat und zusammen mit Jim Haynes, Michael Henshaw, Tom McGrath, Miles und Jack Henry Moore die Untergrundzeitung „International Times“, der den „Vierzehn-Stunden-Technicolor-Traum“ und „UFO“ erfunden und die ersten Konzerte der Pink Floyd organisiert hat, muß zur Zeit in einem Londoner Gefängnis, mit kurzgeschorenen Haaren, ohne Musik und ohne Blumen, eine neunmonatige Haftstrafe absitzen, weil die flinken Burschen von Scotland Yard, denen wie vielen anderen Scharfmachern und Moralhütern die ganze Richtung nicht paßt, in seiner Wohnung, in die sie am Nachmittag des 31. Dezember 1966 eingedrungen waren, zehn Gramm Marihuana aufgetrieben haben.

Ich werde nicht über die Carnaby Street schreiben, obwohl es dort einen guten Laden gibt, den zweier homosexueller Amerikaner, die die phantastischsten und auch teuersten Papierblumen der Welt machen; nicht über Sandie Shaw & BBC-Beat oder freundliche Bobbies oder den Picadilly Circus bei Nacht, obwohl es dort eine Rund-umdie-Uhr-Apotheke gibt, die zu jeder Zeit alles verkauft, nur keine Tropfen zwischen Mitternacht und acht Uhr morgens; nicht über Mary Quant & John Stevens und nicht über Klubs wie Marquee & Speakeasy, obwohl Steve Stollman im vergangenen Herbst die Pink Floyd, die damals noch auf dem London Art College herumhockten, im Marquee hat spielen lassen und im Speakeasy ein schöner schwarzer Sarg die Garderobe ziert, mindestens zehn sich wie ein Ei dem anderen gleichende Mini-Mädchen einem alle drei Minuten das halb ausgetrunkene Glas wegschnappen, die Beatles dort noch immer verkehren (John Lennon ist erst kürzlich im Speakeasy von einem forschen Scotland-Yard-Mann gefilzt worden, er hatte aber nichts bei sich) und der hauseigene So-eine-Art-Oberkellner von hysterischen Anfällen heimgesucht wird, wenn jemand es wagt, ein eingeschlepptes Indian-Poppy-Stäbchen glimmen zu lassen.

Ich werde den Gütesiegel-Ausdruck Swinging London, den ich nicht mehr hören kann, seitdem sogar die Showmaster des Deutschen Fernsehens mit ihm hausieren gehen (von Bravo ganz zu schweigen), nur ein einziges Mal zu Papier bringen, schon geschehen; ich werde zu kürzeren Sätzen übergehen und von John Hopkins erzählen, von UFO, der Times und der International Times; den Pink Floyd, die Syd Barrett, Roger Waters, Rick Wright und Nicky Mason heißen, vor drei Wochen ihre erste Langspielplatte veröffentlicht haben und schon heute als Komponisten und Musiker so weit sind wie John Lennon, Paul McCartney und George Harrison; von unfreundlichen Bobbies und der West End Central Police Station; von Miß Alice Bacon, Minister of State im Home Office, die vor dem Hause of Commons Paul McCarmeys LSD-Trips kommentierte, und von Steve Abrams, der von den zwei STP-Pillen, die er sich bereits Anfang Juli hatte beschaffen können, eine an die Wilson-Regierung abgetreten hat.

Pillen, Pol und Polizisten

Im Februar 1967 entdeckten die englischen Zeitungen und Fernsehprogramme ihr Thema des Jahres: Wer in England schluckt oder raucht wo und wann was und warum und seit wann und wie lange noch.