Richard Strauss: „Sonate op. 18“ und Anton Dvořák: „Sonatine op. 100“; Wolfgang Schneiderhan (Violine), Walter Klien (Klavier); Deutsche Grammophon Gesellschaft 139 163, 25,– DM

Wolfgang Schneiderhan galt zu einer Zeit, als David Oistrach, Leonid Kogan noch nicht, Jascha Heifetz und Natan Milstein nicht mehr in Deutschland bekannt waren, als erster unter den Geigern, die damals zählten. Die Maßstäbe haben sich verschoben, aber noch immer gehört der Wiener Geiger zur internationalen instrumentalen Spitzenklasse. Allein Konkurrenz gibt es heute nicht nur in geigentechnischer Hinsicht für ihn, sondern auch im künstlerisches Profil. Im Vergleich zu seinen großen Kollegen hat Schneiderhan sich entschlossen, Gefühl als Akzidenz zu betrachten, nicht als das Zentrum der Interpretation.

Richard Strauss’ schwärmerische, vom jugendlichen Überschwang lebende Sonate profitiert von solcher Entscheidung. Die Farbpalette ist relativ trist, und der Kenner der Violinliteratur wird das selten gespielte Stück in einer von energischer Kraft und brillantem Temperament bestimmten Wiedergabe begrüßen. Blendende Bogentechnik und tonlicher Schmelz zeichnen Schneiderhans Spiel aus, und nur mit solcher Süße, solchem Elan ist die ziemlich überflüssige Jugendsünde zu retten. Walter Kliens Klavierspiel ist das eines Meisters.

Daß zuviel vitale Verve zum Hindernis werden kann, zeigt die Wiedergabe von Anton Dvoraks G-dur-Sonatine. Das formal weit bescheidener als Strauss’ eruptiver Gefühlsausbruch angelegte viersätzige Stück verlangt im Ausdruck dagegen nach wesentlich mehr Freiheit als das sehr bewußte Spiel Schneiderhans ihr zu geben bereit ist. Hingabe an die Komödiantenweise Böhmens, das Sich-Vergessen an das melancholische Moll, die winzigen, aber so notwendigen Tempovarianten – man sucht das alles in dieser sehr „preußischen“ Version des herrlichen Stücks vergeblich. Seltsam, daß man dem Wiener Schneiderhan, der noch bei Sevcik in Prag studierte, sagen muß, daß er lernen kann, wie diese Musik zu spielen ist: von Josef Suk, der die Sonatine beispielhaft schön bei Supraphon aufgenommen hat.

Hans Otto Spingel