Von Albrecht von Kessel

Im Auswärtigen Amt steht ein Revirement bevor, und Politiker und Publizisten sind – wie immer – von diesem Thema fasziniert. Das ist seltsam. Denn wenn es um wichtige Personalveränderungen in anderen Ressorts geht, wird kaum davon Notiz genommen – es sei denn es handelt sich dabei um so sensationelle Konflikte wie etwa zwischen Hassel und einem Teil der Generalität. Segeln aber solche Personalveränderungen unter der altmodisch-französischen Flagge „Revirement“ und beziehen sie sich auf den Auswärtigen Dienst, so geht es bei der Betrachtung dieses Vorgangs nie ohne Romantik und Mißtrauen ab. Das Mißtrauen wird diesmal von parteipolitisch interessierter Seite mit der Bemerkung geschürt, unter dem neuen Minister setze die SPD zum Sturm auf das Auswärtige Amt an.

Wenn dem so wäre, könnte die SPD sich immerhin darauf berufen, daß die CDU seit Bestehen des Bonner Auswärtigen Amts keineswegs „pingelig“ mit der Zuweisung von Botschafterposten an Außenseiter, die sich in der Parteiarbeit bewährt hatten, umgegangen ist. Aber die Behauptung trifft gar nicht zu. Das Revirement ist deshalb unvermeidlich geworden, weil der Personalchef und weil verschiedene Botschafter die Altersgrenze erreicht haben oder bald erreichen werden und deshalb ihre Posten neu besetzt werden müssen.

Außerdem hat sich der neue Außenminister entschlossen, zum Personalchef endlich wieder einen Mann vom Fach zu ernennen, obwohl dieser doch eher der CDU nahesteht: Botschafter Federer. Seit langen Jahren war es Sitte gewesen, diesen Posten mit einem Mann zu besetzen, der weder über Auslandserfahrung noch über Sprachkenntnisse verfügte – eine Praxis, die allen Berufsdiplomaten absurd erscheinen mußte. Federer nun ist seit mehr als dreißig Jahren im Dienst, hat sich auf vielen Auslandsposten glänzend bewährt und beherrscht natürlich die gängigen Fremdsprachen. Daß die jetzt oder in den nächsten anderthalb Jahren freiwerdenden Botschafterposten von der SPD samt und sonders mit Außenseitern besetzt werden, die der Partei genehm sind, ist gleichfalls nicht zu befürchten.

Auf Grund meiner jahrzehntelangen Erfahrung im diplomatischen Dienst gehöre ich nicht zu denjenigen, die Außenseiter grundsätzlich und in jedem Fall ablehnen. Man sollte diese Persönlichkeiten allerdings jeweils für einen Posten ins Auge fassen, für den sie durch Veranlagung, Interessen und Kenntnisse speziell geeignet sind, und nicht generell als Botschafter. Denn es fehlt ihnen, zumindest anfangs, an allgemeiner Erfahrung und Ausbildung. So war Krekeler zu seiner Zeit ein hervorragender Botschafter in Washington, weil er sich das unbegrenzte Vertrauen der damaligen amerikanischen Regierung erwarb. Ob er unter einer anderen Regierung oder in einem anderen Land, in dem er sich vielleicht weniger wohl gefühlt hätte, den gleichen Erfolg gehabt hätte, muß dahingestellt bleiben. Auch große Karriere-Botschafter sind nicht auf jedem Posten gleich gut zu verwenden.

Im Zusammenhang mit dem Thema „Außenseiter im diplomatischen Dienst“ möchte ich mich gegen eine These wenden, die ich vor genau vierzig Jahren zum erstenmal gehört habe. Sie lautet: „Man besetze die entscheidenden Botschafterposten mit führenden Männern der Wirtschaft.“ Theoretisch mag diese Forderung einleuchten, in der Praxis ist sie falsch. Auf höchster Ebene besteht zwischen Diplomaten und Wirtschaftsführern – vor allem Bankiers – kein Unterschied in der Betrachtungsweise und Methode. Bietet man aber diesen Spitzenleuten Botschafterposten an, so winken sie höflich ab. Wird dann aber ein Wirtschaftler, der nicht zur Spitzenklasse gehört, zum Botschafter ernannt, so erlebt man, wie ich seit dreißig und mehr Jahren, daß die Prominenten der Wirtschaft ganz offen erklären: „Zum Botschafter mag es ja bei ihm noch ausreichen, aber in der Wirtschaft...“

Und noch eine Bemerkung zum Thema Außenseiter: Ihre Zahl muß eng begrenzt bleiben. Denn wenn alle Spitzenposten, wie es noch vor zehn Jahren in den Vereinigten Staaten der Fall war, von Außenseitern besetzt werden, verliert die diplomatische Laufbahn für junge Bewerber – und zwar gerade für die aktivsten und begabtesten – an Reiz.

Nun noch eine kurze Antwort auf die Frage, ob in unserer Zeit der „Besuchsdiplomatie“ Botschafter überhaupt vonnöten seien. Diese Frage möchte ich nachdrücklich mit „ja“ beantworten. Die Besuche der Staatsmänner müssen minuziös vorbereitet werden, sonst enden sie mit magerem Ergebnis, ja mit Mißverständnissen oder Pannen. Kein Staatsmann kann alle Einzelheiten im Kopf haben; er muß deshalb auf Unterlagen zurückgreifen können, die für seinen Besuch zusammengestellt wurden. Aber auch im Alltag fällt dem Botschafter eine entscheidende Aufgabe zu. Sie besteht weniger als früher in der Beschaffung von Informationen. Von Fällen besonders diskreter Natur abgesehen kann keine Botschaft mit den Nachrichtenagenturen oder mit der Presse überhaupt konkurrieren. So besteht seine Aufgabe heute vielmehr darin, die Fülle der Nachrichten zu sieben und zu bewerten. So wird verhindert, daß der Außenminister vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht, den Überblick verliert und Wichtiges übersieht. Die Berichterstattung einer Botschaft muß möglichst so angelegt sein, daß der Außenminister sich binnen einer Viertelstunde in großen Zügen über die Lage in dem betreffenden Land und über seine gegenwärtigen Probleme unterrichten kann. Die Aufgabe einer Botschaft besteht also in unserer Zeit weniger in der Beschaffung von Informationen als in ihrer genauen Analyse und in einer abgewogenen Prognose.