Bonn, im August

Conrad Ahlers, einst unschuldiges Opfer, heute getreuer Diener des Bonner Staates, hat sich den Ruf eines „Mini-Killers“ zugezogen. Ausgerechnet der ehemalige stellvertretende Chefredakteur des Spiegel brachte das Sprachrohr der FDP-Rebellen zur Strecke.

In der FDP-Monatsschrift Liberal die Wolfgang Rubin und anderen Linksliberalen aus Erich Mendes Partei als Plattform dient, hatte vor einiger Zeit Chefredakteur Rolf Schroers ein bekümmertes Lied über Kurt Georg Kiesinger angestimmt. Er tituliert ihn als „Schöngeist“ und „schicksalslosen Bundeskanzler“, der „das Nichts in die schreckliche Nichtigkeit der bundesdeutschen Politik in anheimelnde Worte gekleidet“, der die Politik „wie die Mutter ihr Baby behandelt und jeden Abend fein säuberlich duftend in den Schlaf gesungen“ habe.

Schroers bekundete in dem als „editorial“ ausgewiesenen Schmähgesang Mitleid mit Vizekanzler Willy Brandt, dem es in der „weihrauchhaltigen Atmosphäre seines wesenlosen Regierungschefs unerträglich“ sein müsse. Zu Kiesinger, dem „Mitläufer der Geschichte und zartsinnigen Betrachter“, gebe es keine Alternative mehr; „wir müssen sein welkes schöngeistiges Lächeln teuer bezahlen und werden nicht einmal die Genugtuung erleben, daß diesem Kanzler das Lächeln vergeht. Er hat ja seinen Tocqueville im Tornister.“

Bundeskanzler Kiesinger ist gegen solch lieblose Anspielungen auf sein gepflegtes Äußeres und Inneres nicht unempfindlich. Keineswegs hat er sich über die Formulierungskunst des oppositionellen Publizisten „amüsiert“, wie der Bonner Hofchronist Walter Henkels jüngst in der Frankfurter Allgemeinen meldete. Und der stellvertretende Regierungssprecher, Ahlers, irrte pflichtbewußt mit der Mutmaßung: „Soviel ich weiß, hat der Herr Bundeskanzler den Artikel gar nicht gelesen.“ Kiesinger hatte, und er war verstimmt.

Des Kanzlers Verstimmung übertrug sich auf dem Dienstweg in das Presseamt, wo als Leiter der Abteilung Inland just ein FDP-Mitglied amtiert, Ministerialdirigent Fritz Niebel. Er schien Ahlers der rechte Mann zu sein, um den Verantwortlichen von „Liberal“ die Leviten zu lesen und Konsequenzen anzudeuten – denn die FDP-Zeitschrift läuft seit 1964 am finanziellen Gängelband des Presseamtes.

Im Januar 1964 hatte Liberal-Verlagsleiter Hermann Marx von der FDP-Bundesgeschäftsstelle Staatssekretär von Hase um eine Beteiligung am Titel 300, dem „Reptilienfond“, gebeten. Zur Begründung sagt er heute: „Der Fonds sollte abgeschafft werden oder allen zur Verfügung stehen.“ Die CDU bewilligte dem Koalitionspartner 50 000 Mark jährlich als indirekte Subvention, nämlich die Abnahme einiger tausend „Patenschaft-Abonnements“. Für 1967 wurde die Abonnements-Summe auf 30 000 Mark verringert.