Von Diether Stolze

Man muß de Gaulles Feststellung, der Whisky und nicht der Wodka wolle die Welt erobern, nicht für eine tiefgründige politische Erkenntnis halten, um zu der Überzeugung zu gelangen, daß es in der Tat auch um das Jahr 1980 nur eine alle anderen Länder überragende Weltmacht geben wird: die Vereinigten Staaten. Die USA, deren Gebiet sieben Prozent der Erdoberfläche umfaßt und in denen weniger als sechs Prozent der Weltbevölkerung wohnen, verfügen über ein Drittel der Weltproduktion. Das amerikanische Sozialprodukt, das im vergangenen Jahr 740 Milliarden Dollar erreicht hat, wird nach offiziellen Schätzungen bis zum Jahr 1980 auf 1600 Milliarden Dollar wachsen. Das bedeutet: Die Amerikaner werden dann über mehr Güter und Dienstleistungen verfügen können, als von der ganzen Welt im Jahr 1960 erzeugt worden sind.

Natürlich ist der Sowjetunion der zweite Platz sicher. Freilich wird das Rußland des Jahres 1980 kaum stärker sein als das Amerika von heute. Gegenüber diesen beiden Giganten nehmen sich andere Industriestaaten als ökonomische Satelliten aus. Der Abstand zwischen den beiden Führungsmächten und den anderen Ländern dokumentiert sich nicht nur in der Statistik. Wichtiger noch ist der Unterschied in der Gesinnung: Die USA und die UdSSR sind wohl die einzigen Staaten, in denen die Entwicklung des nächsten Jahrzehnts präzise geplant wird, während die anderen mehr oder weniger unbewußt in die Zukunft hineintaumeln.

In Washington ist es selbstverständlich, daß Ministerien oder vom Staat beauftragte Forschungsteams Studien über das nächste Jahrzehnt erarbeiten – in Bonn zerbricht sich niemand den Kopf darüber, wie denn die Bundesrepublik 1980 aussehen wird. Alle namhaften amerikanischen Firmen haben Analysen über den Markt der siebziger Jahre vorliegen, die großen Konzerne versuchen sogar, die Entwicklung bis zum Ende unseres Jahrhunderts vorauszuberechnen – bei deutschen oder auch anderen europäischen Firmen wird nur in Ausnahmefällen über das Jahr 1970 hinaus geplant.

In Europa hat man offensichtlich noch nicht begriffen, daß es mit dem Beginn des wissenschaftlich-technischen Zeitalters möglich geworden ist, die Zukunft zumindest im ökonomischen Bereich zu errechnen. Die Bundesrepublik etwa, seit einem Jahrzehnt der größte Industriestaat Europas, wird diesen Spitzenplatz nur behaupten können, wenn sie auch der modernste Staat des Kontinents wird. Mit anderen Worten: Wir müßten uns darum bemühen, eine – warum den Begriff scheuen – Utopie zu verwirklichen, das Deutschland des Jahres 1980 zu „planen“.

Eine derartige Forderung wird in unserem Land leicht mißdeutet. Natürlich bedeutet „Planung für 1980“ nicht, daß ein detailliertes Modell entworfen und dann durch ständige dirigistische Eingriffe in die Wirtschaft in allen Einzelheiten verwirklicht werden soll – es geht nur darum, durch klar definierte Ziele Impulse für eine dynamische Entwicklung zu geben.

Wichtig war, daß John F. Kennedy zu Beginn der sechziger Jahre verkündet hat, noch in diesem Jahrzehnt müsse ein Amerikaner auf dem Mond landen – verhältnismäßig unwichtig, ist, ob dieses Ziel tatsächlich vor 1970 oder etwas später erreicht wird. Das Programm hat genügt, um in den USA eine neue Industrie entstehen zu lassen, um den Vereinigten Staaten einen gleichermaßen technisch wie ökonomisch bedeutsamen Vorsprung zu sichern.