Die FAZ berichtete in der vorigen Woche unter der Überschrift „Paris drängt zu gemeinsamer strategischer Planung über eine französische Studie, die jener bilateralen Kommission als Leitlinie dienen soll, die beim letzten Besuch de Gaulles in der Bundesrepublik beschlossen wurde. Schon damals im Juli fragte man sich, wie es wohl angehen könne, auf eigene Faust ein Duett anzustimmen, wo man sich doch zuvor verpflichtet hatte, nur im Chor zu singen. Mit anderen Worten, wie eigentlich meint Bonn – das ja zur multilateralen, integrierten Struktur der NATO gehört –, es könne gleichzeitig bilateral (mit den aus der NATO ausgetretenen Franzosen) militärische Sandkastenspiele veranstalten? Das, was jetzt über die französischen Leitgedanken für diese Studienkommission verlautet, zeigt sehr deutlich, was da auf uns zukommt.

Die Franzosen gehen nämlich offensichtlich davon aus, daß es nicht nur eine normative Kraft des Faktischen sondern auch eine normative Kraft des Fiktiven gibt. Die französische Studie unterstellt ganz einfach, daß 1970 nur noch eine amerikanische Division in der Bundesrepublik steht und daß außerdem die taktischen Atomwaffen nach den USA zurückverlegt werden.

Wenn man von dieser wirklichkeitsfremden Annahme ausgeht – alles spricht dagegen, daß die Amerikaner gleichzeitig mit den konventionellen Truppen auch die Mittelstreckenraketen abziehen werden –, dann erscheint eine enge militärische Kooperation mit den Franzosen natürlich einleuchtend. Die Situation, die dann entstünde, würde wiederum das Wunschbild de Gaulles Wirklichkeit werden lassen, nämlich die Hegemonie Frankreichs dadurch sicherzustellen, daß Frankreich die einzige Atommacht auf dem Kontinent wird und die Sicherheit der Bundesrepublik auf Gedeih und Verderb an Paris gekettet ist. Aber ist das auch unser Interesse?

Über neue Strategie und politische Konzeptionen für die Zukunft nachzudenken ist immer nützlich und notwendig, aber es darf nicht bilateral und nicht aus dem Stegreif geschehen, sondern muß eingebettet sein in die Gesamtplanung der Allianz und konzipiert sein im Hinblick auf ein Endstadium. Sonst wird das Durcheinander noch größer, als es ohnehin schon ist. Dff.