Von Hans Schwab-Felisch

Die großen alten Männer des deutschsprachigen Theaters blicken zurück. Von Aufricht bis zu Zuckmayer treten sie noch einmal vor ihr Publikum und legen Rechenschaft ab vor sich selbst. Diesseits und jenseits der Rampe haben sie einst tätigen und bestimmenden Anteil gehabt an einer bedeutenden, schillernden und widerspruchsvollen Epoche, zu deren geistesgeschichtlichen Merkmalen es gehört, daß die Bühne in ihr sich von aller Vormundschaft befreite, die ihre immanenten Gesetze glanzvoll erfüllte und, indem sie die Herausforderungen der Zeit annahm oder gar sie erst formulierte, auch die Kraft dazu aufbrachte, sich unangefochten als ein Kristallisationspunkt der im Wandel begriffenen Gesellschaft zu behaupten.

In den erinnernden Schriften äußert sich, auf charakteristische Weise, noch einmal die Verschiedenartigkeit der Temperamente. Auf ein und dieselben Ereignisse fällt vielfach schattiertes Licht. Die Perspektiven haben sich, in der Distanz der Jahre, gegeneinander verschoben. Und doch liegt der Gedanke nahe, all diese subjektiven Äußerungen in einem Koordinatensystem miteinander in Beziehung zu setzen – gewissermaßen als Skelett für eine noch zu schreibende Theatergeschichte der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts.

Ein neuer, reizvoller Band hat nun das Blickfeld auf das Theater der Vergangenheit erweitert:

Rudolf Forster: „Das Spiel – mein Leben“; Propyläen Verlag, Berlin; 340 S., 32 Bildtafeln, 24,– DM.

Ein merkwürdiges, sich allmählich erst erschließendes, dann aber seltsam verführerisches Buch. Geschrieben in einer expressionistisch verkürzten Sprache, zeigt es eine Persönlichkeit fern allen Klischees, die es sich leisten kann, der amerikanischen Maxime des Sich-Anpassens zu huldigen. Es zeigt einen Menschen, der die Prägekraft Berlins erfahren hat und der dennoch der „halbe Slawe“ aus Gröbming in der Steiermark geblieben ist. Einen Grandseigneur der Bühne, der sich seiner Gefühle nicht schämt. Die große, nonchalante Geste wechselt ab mit dem liebevoll ausgemalten Detail, Demut mit Selbstbewußtsein.