Von Karl-Heinz Wocker

London, Ende August

Das Reinmachepersonal des Londoner Trafalgar Square hat normalerweise nach dem verlängerten Wochenende des Bank-Holiday-Montags mit seinen Gammlertreffen und Taubenfütterungen harte Arbeit zu leisten. Was Mensch und Tier in drei Tagen hinterlassen, das fegt sich nicht in drei Stunden fort. Diesmal aber gab es einen gemütlichen Dienstag für die Scheuerleute. Denn zwar waren die Tauben guter Verdauung wie stets gewesen, doch die Prophetenbärte hatten gefehlt. Londons Hippies waren auf Landpartie gefahren, nach Woburn Abbey, einem Schloß aus dem 18. Jahrhundert, 60 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt. Der Herzog von Bedford hatte gerufen, und alle, alle kamen.

So emanzipiert sich die Hippykaste ansonsten von der feinen Gesellschaft zeigt –, die großzügige Offerte eines richtigen Duke schlug sie nicht in den Wind. Schloß Woburn hat genügend Quadratkilometer an Wald und Wiese zur Verfügung, und der von seinem Vater enterbte Herzog, der nur Pächter auf dem Boden der eigenen Familie ist, vermietet gern, wenn nur die Schillinge rollen. Dennoch befiel der Zweifel seine engste Umgebung, als er den Plan erwog, am Bank-Feiertag die Hippies in das Anwesen zu lassen.

Als es am ersten Abend zu einigen kleinen Brandstiftungen, genannt Freudenfeuer, kam, schienen die Zweifel berechtigt. Aber der Herzog ist ein im Empfangen von Gästen aller Art längst geübter Mann. Seine Ordnungstruppe mit Jeeps und Schäferhunden blieb auch diesmal Herr der Lage. Zehn-Liter-Kanister mit Löschwasser standen haufenweise bereit, und die Nacht war friedvoll, wenn auch die Phonzahlen, die man in der Nähe der Beatgruppen messen konnte, diesen Eindruck nicht so recht bestätigten.

Die „Flower People jene neueste Spielart eines alten Absonderungsprozesses, sind ein besonders friedlicher Schlag. Blumen und Krawall – das paßt ja auch schlecht zusammen. Und da sie sich ein besonderes Air geben, geht ein großer Teil der gestauten Energie schon einmal im Zurechtmachen auf. Der Anblick von Flower People erinnert ungefähr an einen Querschnitt durch die Besucherschar der Kölner Sartory-Säle am Rosenmontag. Hier hopst der kunstvoll bemalte Sioux um seine mit Uromas knöchellangem Musselin-Kleid behangene Begleiterin. Dort stelzt gravitätisch ein Vollbart umher, in eine rosa Steppdecke gehüllt. Mit blankem Oberkörper, auf den Brustwarzen Gänseblümchen, zuckt glasigen Blicks und von der mystischen „Flower Power“ ergriffen eine Art Vortänzer im Kreis herum. Ein anderer hat auf seinen Türkenfes ein Räucherstäbchen gesteckt. Und dann die Blumen! Gänseblümchen, teils käuflich an einem der beflissen aufgeschlagenen Kioske zu haben, teils handgemalt und nicht immer schweißecht, prangen namentlich bei den Damen an allen erdenklichen Stellen, wenngleich nicht überwiegend dort, wo spießbürgerliche Phantasie sie sich denken mag. Vorzugsblumenbeete sind Wangen, Oberarme und Kniescheiben. Aber auch echte sind vertreten, sowie künstliche aller möglichen Sorten.

Was tun nun 40 000 Blumenmädchen und -knaben drei Tage lang in einer Landschaft, die sonst nur des Herzogs amerikanische Bisons, die Teegäste der Herzogin und das Touristentreiben kennt? Sie lagern malerisch, wenn sie nicht gerade tanzen. Sie schmusen ein bißchen, wenngleich man sich ein „Love-in“‚ unter diesem Stichwort war die Veranstaltung ebenfalls angekündigt worden, anders vorstellt. Sie zeigen sich den anderen, die sich hinwiederum ihnen zeigen. Ein englischer Kommentator fand sehr richtig, das ganze habe ihn an Ascot erinnert, wohin man auch nicht „wegen der Pferde, sondern zum Anstieren“ gehe. Englische Hippies? Sie sind eben erst einmal Engländer und dann erst Hippies. Und die Bravheit, mit der sie vor dem Teekiosk eine geordnete Schlange bildeten, zeugte von unverfälschter Insel tugend.