Freitag, 25. August, 9.30 Uhr, beide Programme: Eröffnung der 25. Großen Deutschen Funkausstellung

Ja, was ist eine Person im Regimente anders als ein immerwährender Redner: An den großen Barock-Schulmeister Christian Weise und die Sentenzen seines „Politischen Redners“ mußte ich denken, als ich die Ansprachen jener Prominenten vernahm, die sich, bei Gelegenheit der Eröffnung der fünfundzwanzigsten Großen Deutschen Funkausstellung in Berlin, an ihr Publikum wandten und das Phrasenpensum mit der gleichen Routine zu bewältigen suchten, mit der im siebzehnten Jahrhundert, in vergleichbarer Lage (auf öffentliche Schau und spektakuläres Repräsentieren bedacht), die Verfasser der Leichabdankungen, Komplimentierreden und Strohkranz-Ansprachen das von ihnen Erwartete lieferten.

Wieder einmal wurden Wortspiele simpelster Machart geboten (Gottsched hätte darob sein Antlitz verhüllt), Fernsehen in dieser Stadt ist Nahsehen (diese Stadt: das heißt Berlin; man könnte, am Beispiel des stereotyp verwandten Demonstrativ-Pronomens, ein ganz bestimmtes, ideologisch getöntes Kampfpathos analysieren). Auch an Metaphorik fehlte es nicht, vom Schwarz-Weiß-Bild zum Schwarz-Weiß-Denken ist nur ein winziger Schritt, und zumal die Genitiv-Metaphern erschienen einmal mehr als Ornatelemente festlicher Reden, die Herren im Regimente blümelten munter drauflos, Mainzens Professor allen voran, der die bunte Palette der Natur liebevoll den Augen darbringen wollte und, ein Beispiel fürs Stegreif-Assoziieren, von der Palette dann gar nicht mehr loskam, so daß er sie dann auch noch anbieten mußte!

Da lob ich mir meinen Herrn Meyer. Er als einziger – ungewandt redend, blätternd und stockend, das Finale verpatzend, ein rührendes Dankeschön stammelnd – er kam zum Geschäft, sprach nicht von Kunst und nicht von neuer Mission; er sprach von der Kasse, nannte verbindliche Zahlen, zitierte die Mehrwertsteuer und die Rendite, verkündete mit freudigem Stolz, daß einige Hersteller ausverkauft seien, ja, so sagte er wirklich ... und während die Verklärenden schon unruhig wurden, Holzamer und Wallenreiter, der später mit Kapellmeistergeste den Erfinder des Farbsystems aufstehen ließ (er saß weiter hinten, und als er sich neigte, entzog eine Störung den Betrachtern sein Haupt), während Carlo Schmid zu wippen begann und verärgert die Kinnlade vorschob, blieb Kaufmann Meyer am Ball, warnte vor der Gebührenerhöhung, dozierte, wie’s denn im Fachverband üblich sein mag, nach der Art von „Wie ich bereits ausgeführt habe“ über Probleme der Branche, er sprach das Wort mit t und sch und schloß in der Hoffnung, daß man dem jüngsten Kind seines Verbandes zu einem erfolgreichen Durchbruch verhelfe.

Feierlich war diese Rede nicht, aber sehr ehrlich. Sie erinnerte an gewisse Theaterszenen, in denen, inmitten von lächelnden Operntenören, plötzlich ein Mann auftritt, der entgegen allen Usancen (und der Verabredung zum Trotz) nicht von Geigen und Maiennächten, sondern von Börsenkursen und Kartellgesetzen erzählt.

Wie schön wäre es gewesen, wenn die Herren Intendanten sich in Sachen Springer und Co. der gleichen Offenheit bedient hätten wie der Vorsitzende Meyer – aber sie taten es nicht; sie ließen vielmehr an einen Wissenschaftler erinnern, der bei der Eröffnung der Funkausstellung anno 1930 mit einem einzigen Satz (ein Vivat Herrn Dollinger, daß er aus dieser Rede zitierte) Gewichtigeres sagte als die versammelten Regimentsherren an diesem Morgen, in dieser Stadt.

Der Wissenschaftler hieß Einstein. Einer aus seiner Gilde ganz allein hätte sprechen sollen am 25. August. Über den Segen der Technik, über die große Freude und die große Manipulation, über die Interessen der Wissenschaftler, die Interessen der Herrschenden, die Interessen der Meyer und das Interesse des Springer, das nicht das Interesse derjenigen ist, an die Einstein dachte, als er seine Rede hielt. Momos