Von Uwe Nettelbeck

Den Vertrag, der ihn zum Manager der Beatles und zu einem reichen Mann machte, hat er nie unterzeichnet: Brian Epstein konnte sich auf die Beatles ebenso verlassen, wie diese sich auf ihn verlassen konnten und stets verlassen haben; er war überhaupt alles andere als der harte Geschäftsmann, den viele in ihm gesehen haben, und glich auch jenem skrupellosen Beat-Manager nicht, den argwöhnische Kulturpessimisten in ihm entdecken wollten. Der Erfolg der Beatles war für ihn wie für die Beatles nichts weiter als eine angenehme Überraschung, die ihnen ein angenehmes Leben sicherte: Wiederum wie die Beatles hat er bis zuletzt versucht, trotz aller Geschäftigkeit, der er sich nicht entziehen konnte, und trotz dem mitunter mehr als nervenzerreißenden Rampenlicht, dem seine private Existenz unaufhörlich ausgesetzt war, vor allem sein eigenes Leben zu leben und sein persönliches Glück zu finden – er war der Manager der Beatles, aber das war ihm nicht genug.

Als sich die Beatles dem Tournee-Betrieb entzogen, um endlich in Ruhe die Musik machen zu können, die sie machen wollten, als George Harrison zum Beispiel, statt sich um die Geschäfte zu kümmern, nach Indien reiste und sich monatelang dem Studium des Sitar widmete, unternahm Brian Epstein nichts, um ihn davon abzubringen – im Gegenteil: Die neue Musik der Beatles bedeutete Brian Epstein, dem Freund der Beatles, mehr, als Brian Epstein, dem Manager der Beatles, neue Beatles-Platten bedeuteten.

Am Sonntag fand man ihn tot in seiner Wohnung in der Chapel Street, und bis zur Stunde ist nicht zu erfahren, woran Brian Epstein, der erst zweiunddreißig Jahre alt war, gestorben ist.

Nur manche deutsche Zeitungen meldeten die Todesursache gleich mit: Brian Epstein sei, war hierzulande zu lesen, an einer Überdosis LSD oder „an sonst einem Rauschgift“ gestorben. Und eine andere Zeitung legte ihm prophylaktisch einen Satz in den Mund, der alle öffentlichen Äußerungen Epsteins über LSD in ihr Gegenteil verkehrt: „Ich habe LSD probiert. Aber es war schauderhaft, unter keinen Umständen würde ich jemandem raten, das Zeug zu gebrauchen

Vor ein paar Monaten hatte Epstein öffentlich zugegeben, gelegentlich LSD zu nehmen und gelegentlich Marihuana zu rauchen: „Als Paul McCartney mich eines Sonnabends anrief und mir erzählte, er habe der Presse gegenüber erklärt, LSD genommen zu haben, erschrak ich sehr, aber da ich zu dieser Zeit ebenfalls bereits LSD genommen hatte, entschloß ich mich, mich Pauls Erklärung anzuschließen – ich wollte ihm die Sache, in die er sich da eingelassen hatte, erleichtern – niemand ist gern ein einsamer Wolf.“ Und zusammen mit den Beatles, zwei Labour-Abgeordneten, dem Schriftsteller Graham Greene, dem Theater- und Filmregisseur Peter Brook und verschiedenen Geistlichen und Wissenschaftlern hatte Brian Epstein eine in der Times publizierte Petition an das britische Innenministerium unterzeichnet, in der eine Neufassung des zur Zeit in England gültigen Marihuana-Gesetzes gefordert und die Regierung gebeten wurde, eine schnelle und gründliche Untersuchung der tatsächlichen Wirkungen von Marihuana einzuleiten. „Ich bin allen Ernstes davon überzeugt, daß Pot harmloser ist als zum Beispiel der Alkohol, und ich glaube, daß die verbreitete Einstellung dieser Droge gegenüber auf Mißverständnissen und Ahnungslosigkeit beruht. Mich ärgert zum Beispiel die Unterstellung, alle Pop-Stars seien süchtig. Das ist einfach nicht wahr. Möglicherweise wird die Gesellschaft ihre Einstellung zu den sanften Drogen, zu denen Marihuana gehört, ändern müssen, genau wie ihre Einstellung zur Homosexualität, die bis vor kurzem hierzulande noch eine Todsünde war. Es ist doch verrückt, daß wir bis heute auf eine Änderung des Homosexuellen-Gesetzes warten mußten.“

Brian Epstein stammte aus Liverpool und hatte als Möbelverkäufer im väterlichen Geschäft begonnen, ein Job, der ihn anödete, aber zu einer künstlerischen Ausbildung, zu der es ihn hinzog, fehlte ihm der Mut; nach einem einjährigen Gastspiel auf einer Schauspielschule, mit dreiundzwanzig, kehrte er in das väterliche Geschäft zurück und eröffnete eine Schallplattenabteilung, die schon in kurzer Zeit zu einem enormen Erfolg wurde, vor allem deshalb, weil Epstein jedem Kunden versprach, ihm jede gewünschte Platte zu besorgen.