Plädoyer für große Autos – Symbol des Aufstiegs?

Eine Laudatio für große Autos zu halten ist heutzutage ein Wagnis; denn große Autos – dazu rechne ich die alten und neuen deutschen Sechszylinder, aber auch den BMW 2000, den NSU Ro 80 und den Porsche 911 –, große Autos sind nicht billig. Leichter zu widerlegen als diese unbestreitbare Tatsache ist der fast nie ausgesprochene, aber im Unterbewußtsein fest angesiedelte Vorwurf, diese Spezies sei undemokratisch, hierarchisch anspruchsvoll und stockkonservativ.

Konservativ erscheinen sie nur dem oberflächlichen Betrachter, weil sie nicht alle zwei Jahre ihr Gewand wechseln und ihr traditionelles Kühlergesicht wie einen Fetisch vor den sündhaften Fingern der Stilisten bewahren. Unter der Haut sind sie die modernsten und fortschrittlichsten Automobile, die es gibt. An ihnen wurden ingeniöse Träume Wirklichkeit, mit denen sie dem neuesten Standard der sogenannten Mittelklasse um Jahre, oft um ein Jahrzehnt voraus waren und sind.

Undemokratisch sind sie auf gar keinen Fall; denn wenn niemand sie bauen würde, das Volk würde sie fordern! Es liebt sie aus Gründen derselben atavistischen Wurzel wie die fürstlichen Hochzeits-Reportagen und Prominenten-Storys der Illustrierten, nur mit sehr viel persönlicherem Impetus. Die am meisten besuchten Stände der Salons in Frankfurt a. M., Genf, Paris und Turin sind die der kostbarsten Automobile.

Nach der Information über das Angebot Industrie, das im Rahmen seiner eigenen materiellen und gesellschaftlichen Möglichkeiten liegt, verweilt vor allem der jüngere und der Mann in den sogenannten besten Jahren auf den Ständen der großen und schnellen Wagen in andächtiger Meditation. Adelstitel und Prominenten-Glamour mögen für ihn unerreichbar sein, für dieses oder jenes Auto der großen Klasse aber brennt immer eine Kerze in der abseitigen Kapelle männlicher Träume. Von diesen Wagen geht eine fast magische Stimulierung auf das Lebensgefühl und das Geltungsstreben des gesunden, seine Erfolgsmöglichkeiten überdenkenden Mannes der industriellen Gesellschaft aus. Unbewußt erscheinen sie ihm als Symbole gesellschaftlichen Aufstiegs auch dann, wenn er kein „Auto-Narr“ ist, und die Reizstufen immer edlerer Ausstattung, immer raffinierterer Technik, immer anschmiegsameren Komforts faszinieren ihn nicht nur, sie nähren auch den offensichtlich unheilbaren „Krebs“ des hierarchischen Denkens.

Überzeugende Beweise für die stumme Anerkennung dieser auto-mobilen Hierarchie liefert täglich das Verkehrsverhalten auf der normal frequentierten Autobahn außerhalb der Ferienzeit. Motorjournalisten, die ständig Wagentypen aller Fabrikate prüfen, wissen, wie schwer es einem Wagen der 1300–1700-ccm-Kategorie gemacht wird, Autos der gleichen Marke oder des entsprechenden Konkurrenztyps zu überholen, wie zähe dieselben Leute auf der linken Fahrbahn kleben, wie widerwillig sie Platz machen, die sofort bereitwillig und meist unaufgefordert nach rechts hinüberwechseln, wenn man sich ihnen mit einem Mercedes, einem BMW oder Porsche nähert. Es bedarf kaum eines Blinkzeichens, und die linke Fahrbahn ist frei. Der Respekt vor dem großen, schnellen Auto fegt sie leer.

Diese auto-mobile Hierarchie wird nicht nur deshalb respektiert, weil sie sich in Jahrzehnten adäquat den Rangordnungen der industriellen Gesellschaft etabliert hat, die in Ost und West gleichermaßen in Erscheinung treten, sie stößt auch deshalb auf stumme Duldung, weil jeder die Hoffnung in seinem Busen trägt, daß er selbst eines Tages... Ist es doch eine Hierarchie, deren Stufen weder durch Geburt noch durch Examina versperrt sind, sondern die jeder nach Erfolg oder Glück begehen kann: auf und ... ab!