Wiesbaden

Auf der Wiesbadener Wilhelmstraße, einem der berühmtesten Boulevards der Bundesrepublik, regierte das „einfache Volk“. In Haufen zusammengerottet, versperrten die Menschen die Bürgersteige, schwangen die Fäuste und forderten Lynchjustiz: „Gebt ihn heraus!“ schrien sie, „nur fünf Minuten!“ – und: „Wir wollen seine Rübe, nichts anderes!“

In jener letzten Woche des Mai war die gut beleumundete hessische Landeshauptstadt in aller Munde. Etwa zweihundert Journalisten, Photoreporter und Kameramänner waren nach Wiesbaden geeilt, die „Bild“-Zeitung führte per Sonderredaktion und ständiger Funkverbindung „ihre Millionen Leser unmittelbar an den Tatort“.

Der Anlaß: Wiesbadens Kriminalpolizei schickte sich an, Deutschlands bis dahin geheimnisvollstes Verbrechen, den „Fall Timo Rinnelt“, zu lösen. Der siebenjährige Sohn eines Antiquitätenhändlers war am 13. Februar 1964 spurlos verschwunden und hatte die größte Fahndungsaktion der Nachkriegszeit ausgelöst. Mehr als drei Jahre später, am 26. Mai 1967, erfuhr die Öffentlichkeit von der Verhaftung des knapp 27jährigen Arztsohnes und Gelegenheitsarbeiters Klaus Lehnert. Er hatte, nach seinem Geständnis vom 1. Juni, den kleinen Timo mit einem Kabel erdrosselt und die Leiche in einem Keller der Wilhelmstraße vergraben.

Nach drei Jahren war alle Hoffnung auf ein Wunder jäh erloschen. Lehnert selbst hatte den letzten Funken an Zuversicht, Timo könne entführt und somit noch am Leben sein, fleißig genährt, indem er zwischen 1964 und 1967 mehrfach anonyme Briefe an die Eltern Rinnelt schrieb und die Freilassung des Kindes für ein entsprechendes Lösegeld in Aussicht stellte.

Zwischen Hoffnung und Resignation war Timo Rinnelt in diesen drei Jahren fast zum Allgemeingut geworden, zum verschwundenen Sohn ungezählter Mütter und Väter. Klaus Lehnert trieb ein grausames Spiel. Er bewies eine Kaltschnäuzigkeit, die selbst harten Kriminalisten einen Schauer über den Rücken jagte: Im April dieses Jahres zog er der halbverwesten Kindesleiche einen Strumpf vom Bein, spielte dieses Beweisstück der Münchner Illustrierten „Quick“ zu und zeigte sich an einem „Vertrag“ interessiert; Honorarforderung für eine „neue, spannende Timo-Story“: 15 000 Mark. Die „Quick“-Redakteure verbündeten sich mit der Polizei, und Lehnert wurde entlarvt.

Heute ist der Fall Timo Rinnelt in die zweite Phase getreten. Die Münchner Illustrierte, deren Einsatz in den Tagen der Mörderjagd über jeden Zweifel erhaben ist, vermochte sich journalistisch nur einen kaum nennenswerten Lohn zu sichern. Als „Quick“ seine Geschichte den Lesern anbot, hatte sich die Öffentlichkeit über Fernsehen, Rundfunk und ungezählte Tageszeitungen bereits hinreichend informiert. Was zu schreiben war, war geschrieben worden, der Report aus München hatte keine große Resonanz mehr.