Von Carlo Schmid

Was konnte mir Goethe über den Staat und das Phänomen des Politischen sagen? Was sagt er uns Deutschen über den für uns Deutsche rechten Staat?

Goethe hat manches über den Staat gesagt, viel über gutes und schlechtes Regiments Immer wieder hat er betont, daß die Dinge des Staates Fachleuten zu überlassen seien, die ihr Metier verstehen. Bei den Leuten, die Volksherrschaft forderten, habe man es mit Pfuschern zu tun, die nichts anderes zu schaffen vermöchten als ein Chaos. Das Wesentliche am Staat sei Ordnung, wer immer sie geschaffen habe und aufrechterhalte. Diese Ordnung, in der jeder an dem Ort, an den ihn Schicksal und Zufall gestellt haben, mit sich und der Welt fertig werden müsse und könne, wenn er sich bemühe und in seinem Beruf tüchtig zu werden strebe, erlaube es den Individuen, die dafür begabt seien und denen ihr Stand es erlaube – denen es Daimon und Tyche erlaubten –, – Kräfte zu entwickeln, die sie fähig machen, in ihrer Person monadisch eine Facette dessen darzustellen, was erfülltes Menschsein heißt – etwas so unendlich Reiches, daß es in der ganzen Fülle nur von der Summe aller sichtbar gemacht werden könne.

Schöpfer und Garant solcher Ordnung ist der Staat, reine Obrigkeit, die befiehlt und der gehorcht wird. „Es ist besser, es geschähe Unrecht, als die Welt sei ohne Gesetz; deshalb beuge sich jeder dem Gesetz.“ Diese Ordnung wird dauernd bedroht durch die „Menge“; durch jene, die ihren Ort im Gefüge der Gesellschaft nicht akzeptieren und darum Barbaren sind, weil sie „das Vortreffliche nicht anerkennen“. Der Ruf nach Freiheit, den sie ausstoßen, sei im Grunde böse, am schlimmsten, wenn er aus dem Munde jener Gebildeten komme, die diese Menge aufwiegelten. Herrschaft des Volkes über das Volk sei Pfuscherei, sagte er, denn zum Herrschen bedürfe es klarer Begriffe, und wo sollte das Volk diese hernehmen? „Das Volk ist gut zum Schlagen, nicht gut zum Raten.“

Der den Deutschen mögliche Staat sei nicht der Staat der großen Taten. Den deutschen Nationalgeist gäbe es auch – anders als bei Franzosen und Briten –, ohne daß ein allen Deutschen gemeinsamer Staat bestünde. Für das Individium seien die vom Staat behüteten und ihrer Zeit angepaßten Ordnungen das Entscheidende, „welcher Staatsform sie auch untergeordnet wären“. Sie sind etwas, das über den Menschen kommt, ein Naturzustand, der sein Gutes und sein Böses hat. „Das Gute sei zu ergreifen und zu nutzen, das Böse abzulehnen oder zu ertragen.“ Die Zukunft zu gestalten, ist nicht Sache des Staates. Dieser kann nur das Bestehende in Ordnung halten. Zukunft aber wird nicht rational vom planenden Verstände und vom planenden Willen her geformt, sondern wächst wie alle Natur. Dieser Vorstellung des Justus Moser ist er von Jugend an treu geblieben.

„Alles ist Politik“