Von Friedebert Becker

Immun gegen Wirtschaftskrisen scheint die Fußball-Bundesliga in ihre neue, ihre fünfte Saison einzuziehen. Sie begann eher mit einer kühnen Bergfahrt als mit einem Rutsch in die vielzitierte Talsohle. Den Fußballbegeisterten erschreckten keine Preiserhöhungen; von Maßhalten spürte man nichts. Daß die Spielzeit mit einem Rekord an Toren einsetzte, bedeutete zudem die wirksamste Konjunkturspritze.

Allerdings: Die Bundesliga-Zuschauer reagieren, so beobachteten wir bisher, noch empfindlicher als die Börsianer. Sie begeistern sich schnell. Sie nehmen aber noch schneller übel. Das erschreckende Absinken der Zuschauerzahlen hier und da im letzten Abschnitt der vergangenen Saison bewies das. Die Zuschauer von heute fordern mehr als früher, vor allem Höchstleistungen, Sensationen, Nervenkitzel. Und von „ihrer“ Mannschaft mehr als schönes Spiel – Erfolge!

Es gibt viele Anzeichen, daß sich auf der Bühne 1967/68 besonders häufig dramatische Szenen, überraschende Wendungen abspielen werden. Ein Regisseur hätte sich keine günstigere Situation wünschen können. Niemand wagt nämlich, eine Heldenrolle vorauszusagen: Die alles überragende Mannschaft, „der“ Favorit fehlt!

In den unvermeidlichen „Umfragen“ nach dem mutmaßlichen Meister tauchten mehr als die Hälfte aller Bundesliga-Mannschaften als „möglich“ auf. Der Siegeszug des großen Außenseiters Eintracht Braunschweig zur Meisterschaft 1966/67 schien alle Gesetze außer Kraft zu setzen. Vor einem Jahr stuften selbst Experten die Braunschweiger eher als Abstiegskandidat als für eine Meisterrolle ein. Braunschweig konnte weder mit großen Namen, noch mit kühnen „Einkäufen“ neuer Stars, noch mit einem bis dahin weithin bekannten Trainer prunken. Auf die Nationalmannschaft in ihrem Höhenflug der Weltmeisterschaft nahm Braunschweig keinerlei Einfluß. Außer Ulsaß stand damals niemand auf der akuten Liste Helmut Schöns.

Der Triumph von Braunschweig begründete sich weniger auf rauschende Siege als auf die verblüffende Zuverlässigkeit, sich nicht schlagen zu lassen. Sonderbarerweise wagten nur wenige, die Prophet für die neue Saison spielen sollten, Braunschweig die erfolgreiche Verteidigung des deutschen Meistertitels zuzutrauen. Es blenden eben doch immer noch Rang und Namen. München 1860, Vizemeister und Meister ein Jahr zuvor, kann immerhin noch einen kompletten international erfahrenen Sturm mobilisieren: Heiss, Küppers, Brunnenmeier, Grosser, Rebele!

Dem Hamburger Sportverein traut man trotz seiner Mißerfolge in den Jahren zuvor auffallend häufig ein come back zu. Die Namen Seeler, Willi Schulz und Dörfel faszinieren! Krämer gilt als vielleicht entscheidende Verstärkung. Borussia Dortmund sei an der Reihe, sagen viele, nachdem sie schon in den vier ersten Bundesliga-Jahren stets nahe am Sieg waren. Mit ihren stolzen Plätzen vierter, dritter, zweiter, dritter überragen sie alle Konkurrenz. Und dann noch dazu die Namen Held, Emmerich, seines Zeichens der weitaus erfolgreichste Torschütze der vier Jahre. Große Spielerpersönlichkeiten erklären auch, warum der 1. FC Köln immer noch so hoch im Kurs steht: Overrath und Weber gehörten immerhin zu den überragenden Gestalten der Weltmeisterschaftsspiele.