Von Ernst Stein

Das Geistige eines Kunstwerks besteht nicht darin, über was es spricht, sondern zu wem es spricht. Moritz Heimann

Das literarische Leben im ersten Drittel des Jahrhunderts, durch eine Generation und eine ganze Welt von uns getrennt, bewahrt seine ungewöhnliche und nicht immer willkommene Anziehungskraft für die Gegenwart nicht zuletzt darum, weil sich die Persönlichkeiten, von denen es wimmelte, so plastisch aus dem entgleitenden Bild abheben.

Ihr Werk mag zu den Schatten versunken sein, die Figuren, die wir nie gesehen haben, sind sichtbar geblieben. Und zwar, erstaunlich genug, auch die kleineren Lichter, die Meteore, die Eintagsfliegen. Denn es war keine Frage des Formats – „die Zeit hatte nicht lauter Riesen, aber sie hatte die größten Zwerge“ –, es lag vielmehr an dem wärmeren Klima dieses Lebens, an dem höheren Interesse für den Menschen, das jede Erscheinung mit vollerem Blick umfaßte, statt sie als Punkt eines literarischen Diagramms zu sehen. Es lag an dem Zugehörigkeitsgefühl (wie Robert Musil es nannte, so wenig gerade er es teilte): fast programmlos, kaum gruppiert; aus Gegensätzen zu einer Zeitgenossenschaft verwachsen, deren Physiognomie durch die großen Ausbrecher nur noch schärfer konturiert wurde.

Ein wahres Genie der Teilnahme an Menschen und Werken war der 1925 verstorbene Schriftsteller Moritz Heimann, der seiner Hingabe an das literarische Schaffen des Zeitalters sein eigenes fast völlig zum Opfer brachte. Heimann war in jenen drei Jahrzehnten Lektor des Verlages S. Fischer in Berlin, mit dem die moderne deutsche Literatur aufstieg. Selten haben begabte Anfänger einen aufmerksameren Prüfer gefunden – einer von ihnen schrieb die „Buddenbrooks“ – und berühmte Autoren wahrscheinlich nie einen gewissenhafteren Betreuer, der selbst dem erfolgreichsten keine Schwäche eines neuen Manuskripts durchgehen ließ; mit ebensoviel gütiger Behutsamkeit wie zäher Geduld Einwände erhob und durchsetzte; beriet, Änderungen empfahl und wohl auch selber eingriff, um jene Vollkommenheit zu erreichen, die ihm für jede literarische Schöpfung vorschwebte. Manches noch heute geschätzte Buch dürfte in einer Form auf uns gekommen sein, die er angeregt hat. Schon die Mitwelt wußte nicht viel von seiner stillen, tiefreichenden Mitwirkung und hat ihm wenig Kränze gewunden; der eine oder andere von ihm entdeckte und unermüdlich geförderte Autor, zu Ansehen und hohen Auflagen gelangt, hat es ihm mit Undank gelohnt.

Jeder gute Verlagslektor – und Moritz Heimann war mehr als das, er hatte etwas von mitschaffender Größe – ist ein Entdecker. Es gab auch genug zu entdecken, in einer Zeit, die Anfänger wie Thomas Mann und Hermann Hesse ihr eigen nannte oder die einst gefeierten Erzähler – nun längst geborstene Säulen – Hermann Stehr und Emil Strauß (zwei von Heimanns Undankbaren) und Jakob Wassermann, der ihm den gefühlvollsten Nachruf schrieb. In Oskar Loerke entdeckte Heimann nicht nur einen Lyriker von bleibender Geltung, sondern auch seinen Mitarbeiter und Nachfolger im Lektorat.

Gewiß, diese Namen wären keinesfalls im verborgenen geblieben, aber die Schwungweite seiner Intuition machte ihn ebenso empfänglich für die noch wenig überzeugenden Ansätze der expressionistischen Richtung, die seiner humanen Natur, seinem Sinn für Maß und Form, seiner Neigung zum Leisen, Gedämpften hätten zutiefst widerstreben müssen. Aber wie sein märkischer Landsmann Theodor Fontane, in Habitus, Grundsätzen und Geschmack eher zur alten Schule gehörig, vermochte er mit der Zeit zu gehen, ohne einen falschen Schritt zu tun.