Von Joachim W. Hartnack

Das Titelphoto der Dezemberausgabe des fono-forum aus dem Jahre 1963 zeigt einen etwas verschmitzt lächelnden David Oistrach, der seine Violine zwischen den Knien hält und dabei so tut, als streiche er das Instrument wie ein Cello. Dieses Bild offenbart mehr, als mit dem photographischen Scherz gemeint gewesen sein dürfte, denn tatsächlich erzielt David Oistrachs Handhabung der Violine zuweilen die klanglichen Dimensionen eines Cellos. Die Größe, der Umfang und die Tragfähigkeit seines Tones, aber auch die sonore Fülle und die samtene Wärme seiner Artikulation hätten allein schon ausgereicht, diesen russischen Geiger zu einem der wichtigsten Orientierungspunkte im modernen Violinspiel werden zu lassen.

Politik und Reklame haben diesen schlichten und freundlichen Mann, der mehr Selbstkritik und künstlerische Demut besitzt als ein gutes Dutzend sonstiger internationaler Spitzenstars, zu dem größten Geiger, den es je gegeben haben soll, emporgelobt. Leider ist er zu dieser universalen Größe nicht nur emporgelobt, sondern auch emporgelogen worden, denn schließlich hat er das qualifizierte Violinspiel ebensowenig in Erbpacht genommen oder erfunden wie Herbert von Karajan das Dirigieren oder Swjatoslaw Richter das Klavierspiel.

Das genaue Geburtsdatum David Oistrachs läßt sich nicht feststellen, weil jede Quelle eine andere Zahl, zumindest einen anderen Tag nennt. Am wahrscheinlichsten ist es, daß er um den 20. September 1908 in Odessa als Sohn eines Buchhändlers und einer Chorsängerin geboren wurde. Dort erhielt er auch bei Peter Stoljarski’ seine violinistische Ausbildung – und selbst wenn alle greifbaren Berichte über das Datum des Unterrichtsbeginns verschiedene Aussagen machen, so steht doch in David Oistrachs Laufbahn eine entscheidende Abweichung zu dem Werdegang fast aller anderen Geiger unumstößlich fest: Er war kein Wunderkind. Angesichts der Tatsache, daß die meisten berühmten Geiger bereits in Matrosenanzügen das Publikum begeisterten, verdient diese Abweichung gerade bei einem Künstler, dessen spätere Stetigkeit seiner Leistungen zu seinen besonderen Merkmalen zählt, der besonderen Erwähnung.

Sein Werdegang ist deshalb auch nicht durch Publikumshysterie, sondern durch die Urteile unbestechlicher Preisrichterkollegien markiert. 1930: Erster Preisträger des allukrainischen Violinwettbewerbs, 1935: Gewinner des Allunionswettbewerbs der Instrumentalisten der UdSSR, 1935: Zweiter Preisträger des InternationalenWieniawski-Wettbewerbesin Warschau und schließlich 1937: der große internationale Durchbruch mit dem Sieg bei dem Ysaye-Wettbewerb in Brüssel. Von da an war er eine internationale Berühmtheit.