Die deutsche Konsumgenossenschaftsbewegung steuert zu neuen Ufern. Als Kapitän auf dem weiten Weg von der Tradition des Arbeiterladens zur Marktmacht in einer modernen Wettbewerbswirtschaft hat sie einen Mann an Land gezogen, der ihrer Produktions- und Einkaufszentrale GEG schon einmal, zwölf Jahre lang, verbunden war: Oswald Paulig.

Für Einwohner des Stadtstaates Hamburg sind Mann und Name seit langem ein Begriff. „Ossi“ Paulig, Jahrgang 1922, ist seit 1965 Vorsitzender der SPD-Bürgerschaftsfraktion und überdies zur Zeit der einzige potentielle Nachfolger des Bürgermeisters Professor Herbert Weichmann, der mit seinen 71 Jahren zwar gesund, kräftig und beliebt, aber doch eben nicht mehr der Jüngste ist. Hauptberuflich ist Paulig Direktor der Hamburgischen Wohnungsbaukasse, des Organs der staatlichen Wohnungspolitik.

Kennzeichen seiner Persönlichkeit ist die große – wenn auch nicht unpragmatische – Leidenschaft, mit der er Sozialdemokrat und Politiker ist. Mit der gleichen Leidenschaft bekennt er, sich mit dem Gedanken zu tragen, seinem Lebensschiff eine neue Wendung zu geben. Oswald Paulig steht im Begriff, für die deutschen Konsumgenossenschaften ein ungekrönter König zu werden. Man will ihn zum Präsidenten des neu gegründeten „Bundes deutscher Konsumgenossenschaften“, kurz „Bund“ genannt, machen.

Praktisch bedeutet dies, daß Paulig an die Spitze eines Mammutunternehmens tritt, das mit einem Umsatz von weit über 4 Milliarden Mark den bisher größten Einzelhändler, den Warenhauskonzern Karstadt AG, hinter sich läßt.

Zwar hat Paulig sich bisher lediglich bereitgefunden, die Präsidentschaft vorläufig und ehrenamtlich zu übernehmen. Es ist jedoch ein offenes Geheimnis, daß er bis zum Ende dieses Jahres freie Hand für seine endgültige Entscheidung haben möchte. Bis dahin will er zweierlei klären: Wer den SPD-Fraktionsvorsitz in der Bürgerschaft übernehmen könnte, und ob der Bund deutscher Konsumgenossenschaften kraft seiner Satzung und durch freiwilliges Abtreten von Rechten der einzelnen Genossenschaften zu einem schlagkräftigen Instrument konsumgenossenschaftlichen Markt- und Machtpolitik gestaltet werden kann. Seine Nachfolge als Direktor der Wohnungsbaukasse scheint ihm die wenigsten Kopfschmerzen zu bereiten. „Das würde sich regeln lassen. Wir würden einen Mann von draußen holen.“

Die Arbeit als Bund-Präsident würde ihm „liegen“. Ein-völlig neues Instrument nach seinem Konzept, nach seinem Stil zurechtzustimmen, erscheint ihm als sinnvolle Lebensaufgabe. Er wäre der dritte „Konzernchef“ einer gemeinwirtschaftlichen Institution – neben Walter Hesselbach von der Bank für Gemeinwirtschaft, der viertgrößten deutschen Geschäftsbank, und Albert Victor, Chef der gewerkschaftseigenen Neuen Heimat, des größten bundesdeutschen Wohnungsunternehmens.

Neben seinem politischen Talent und seiner persönlichen Durchsetzungskraft gibt es vier objektive Gesichtspunkte, die Paulig für eine solche exponierte Position geeignet erscheinen lassen: