Nach den Ferien wird das Leben für die Franzosen teurer. Sie werden nicht nur mehr Geld für Miete, Strom, Gas und Verkehrsmittel ausgeben, müssen, sondern auch höhere Beiträge für die Sozialversicherung zu bezahlen haben.

Nach einer Vorbereitungszeit von drei Jahren entschloß sich die französische Regierung jetzt zur Reform der Sozialversicherung. Höhere Beiträge, geringere Leistungen lautet das Rezept, mit dessen Hilfe die seit Jahren defizitäre Versicherung (geschätzter Fehlbetrag 1968 rund 4 Milliarden Franc) saniert werden soll. Auf Grund der vom Parlament bewilligten Sondervollmachten wurde dekretiert:

  • Bis zu einem Monatsverdienst von 1.140 Franc wird der Sozialbeitrag um ein halbes auf 6,5 Prozent erhöht, die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung betragen wie bisher 28,5 Prozent;
  • bei über dieser Bemessungsgrenze liegenden Einkommen wird für Arbeitnehmer ein Zusatzbeitrag von 1 Prozent erhoben, für Arbeitgeber von 2 Prozent,
  • die Selbstbeteiligung der Versicherten wird erhöht. Künftig wird der Sozialversicherte 30 Prozent statt 20 Prozent der Kosten für ambulante ärztliche und zahnärztliche Behandlungen selbst zahlen müssen. Dieser Satz kann später auf dem Verordnungsweg bis auf 40 Prozent erhöht werden. Bei Krankenhausaufenthalt bleibt es jedoch bei der früheren Selbstbeteiligung von 20 Prozent.

Durch die höheren Beiträge sollen die Einnahmen um 2 Milliarden Franc steigen. Durch geringere Leistungen sollen die Ausgaben um eine Milliarde Franc gesenkt werden.

Neben der höheren Selbstbeteiligung will die französische Regierung deshalb auch die Zahl der rückvergüteten Medikamente stark beschränken (etwa 3000 Pharmaprodukte werden unter 8500 verschiedenen angeboten). Die ärztlichen Verschreibungen sollen schärfer kontrolliert werden. Badekuren sollen im allgemeinen nicht mehr erstattet werden.

Die Reform der französischen Sozialversicherung betrifft rund 34 Millionen Versicherte. Für soziale Härtefälle und lange Krankheiten soll die Selbstbeteiligung gemildert werden oder ganz entfallen. Zukünftig wird die Sozialversicherung jedem Franzosen offen stehen. Für freiwillig Versicherte ohne ausreichendes Einkommen zahlt die Fürsorge die Beiträge.

Die französischen Gewerkschaften werfen der Regierung vor, sie hätte mit der Reform zu lange gezögert und gehe nun mit Beitragserhöhungen und Leistungsminderungen den bequemsten Weg.