• „2. Internationale der Zeichnung“ (Darmstadt, Mathildenhöhe): Darmstadt will mit dieser Ausstellungsreihe der Kunst der Handzeichnung als einer „vorausweisenden Späher- oder Forscherkunst“, in der neue Ideen, neue Tendenzen ihren ersten Niederschlag finden, bevor sie sich in der Malerei oder Plastik definitiv realisieren, einen eigenen Versammlungsort geben. 450 Arbeiten von 118 Künstlern sind auf der 2. Internationale – bis zum 9. September – vereinigt.

Wenn auf der 1. Internationalen 1964 die verschiedenen Richtungen und Nationen mit ihren Spitzenkräften vertreten waren, so ist man diesmal weniger stramm verfahren. Gute und drittrangige Blätter hängen bunt durcheinander. Das einzig erkennbare Auswahlprinzip ist negativer Art und wurde von der Biennale in Venedig übernommen: Kein Künstler darf zweimal hintereinander auftreten.

Leider hat man auch auf das ursprüngliche Konzept einer aktuellen Übersicht weitgehend verzichtet und wahllos auf die Kunst der letzten vier Jahrzehnte zurückgegriffen. Von Dali sieht man ungewöhnlich schöne Tuschzeichnungen und Lithographien aus den frühen dreißiger Jahren, von Tanguy eine prächtige kleine Kollektion aus den Jahren 1926 bis 1947; ähnlich liegt es bei Nesch oder Michaux. Dabei wäre es doch nicht so schwierig, die Reihen bis in die sechziger Jahre, bis zur Gegenwart weiterzuführen, um es dem Betrachter zu ermöglichen, aus der Entwicklung der Künstler auf die heutige Situation der Zeichnung zu schließen. Die Internationale der Zeichnung würde erheblich gewinnen, wenn die Veranstalter sie in Zukunft thematisch einengten.

So problematisch diese 2. Internationale erscheint, sie bietet zwei Retrospektiven, die alle Einwände verstummen lassen: je hundert Blätter von Paul Klee und Egon Schiele. Schieies Graphik ist noch nie so umfangreich gezeigt worden, und erst in dieser breiten Präsentation, die außer den Aktzeichnungen und den hart konturierten oder aufgefächerten Figuren und Porträts auch Landschaften und Architekturzeichnungen umfaßt, wird das künstlerische Phänomen Schiele sichtbar, das sich mit Vokabeln wie erotische Verfallenheit oder existentielle Fragilität nicht terminieren läßt.

  • „Moderne Grafik aus der UdSSR“ (Hamburg, Bauzentrum): Ein neu gegründeter „Studienkreis Sowjetunion“ (Sitz Hamburg) ist auf deutscher Seite, der „Bund der Bildenden Künstler der UdSSR“ ist auf russischer Seite für diese Schau verantwortlich. Die offiziellen Redner, ein sowjetischer Gesandter aus Bonn und ein hansischer Senator, waren sich bei der Vernissage einig, daß solche Veranstaltungen der deutsch-sowjetischen Verständigung dienen, von deren Notwendigkeit wir überzeugt sind. Daß aber das, was hier als zeitgenössische Graphik aus der UdSSR geboten wird, geeignet sei, dem großen Ziel der Verständigung zu dienen, kann ich bei allem guten Willen nicht glauben.

Es gibt keine gemeinsame Basis, von der aus man diese ungefähr 60 Blätter von zehn Künstlern beurteilen könnte. Sie erheben keinerlei künstlerischen Anspruch, bewegen sich auf dem Niveau mittlerer Bilderbuch- oder Lesebuchillustrationen, zeigen eine Rentierzüchterfamilie, ein chemisches Laboratorium, sibirische Hochöfen, aber auch Balletteusen und Eishockeyspieler in einer pseudorealistischen Manier, die man nicht einmal als antiquiert bezeichnen kann, weil sie niemals, auch nicht im 19. Jahrhundert, modern war. – Bis zum 16. September.

Gottfried Sello