Wie war’s in Deutschland doch vordem mit Kunstbetrachtung so bequem. Goebbels hatte die Kritik abgeschafft; die ersten Zeitungen, die nach 1945 erscheinen konnten, führten sie wieder ein. Schriftsteller, Sänger, Regisseure haben sich – nicht in jedem Fall gern, aber immerhin – daran gewöhnt. In der Bildenden Kunst haben, im Gegenteil, wir uns daran gewöhnt, daß ein Sturm der Entrüstung losbricht, wenn das Werk eines Künstlers nicht nur beschrieben, sondern kritisiert wird.

In der ZEIT Nr. 33 hatte Dr. Wieland Schmied, Leiter immerhin einer so renommierten Institution wie der Kestner-Gesellschaft in Hannover, in behutsamen Formulierungen seinem Bedauern darüber Ausdruck gegeben, daß ein so bedeutender Kunsthistoriker wie Dr. Werner Haftmann im Vorwort zu einem den neuen Bildern von Ernst Wilhelm Nay gewidmeten Katalog in der Kunst der noch Jüngeren nur „handfeste Beschreibung“ und „Deutung der Vulgärsphäre“, „witzige Persiflage“ und „optische Tricks“ zu entdecken vermochte. Wir hätten darauf gern eine Erwiderung von Werner Haftmann gedruckt.

Statt dessen erreichte uns der folgende Brief von Ernst Wilhelm Nay:

Das war Teils Geschoß, Herr Schmied hat es weder geschmiedet noch abgeschossen, sondern nur in den Briefkasten derjenigen Zeitung geworfen, deren Feuilletonredakteur Angriffe gegen Haftmann und Nay zu gern abdruckt. Haftmann abzuwerten, wird hoffentlich einen Sturm auslösen, noch dazu abzuwerten mit dem heute in Westdeutschland gebräuchlichsten Schimpfwort: „Du bist nicht modern.“

Was mich betrifft, so freue ich mich dieser neuerlichen Beschimpfung, denn ein Künstler bedarf der Diffamierung, sogar der Selbstdiffamierung.

Malen! Man verzeihe es dem Literaten Schmied, wenn er jeden, der im Atelier steht, Maler nennt. Das eben tut Haftmann nicht. Für ihn gibt es, wie für Herrn Schmied, viele Sorten von Künstlern, aber ein Maler ist für ihn Farbsetzer. Das kann ein Literat nicht wissen, auch nicht wissen, was das ist. Aber wissen tut er, daß ich große Namen zu dem großen Namen Haftmann hinzusetzen kann, die Haftmanns Ansicht teilen und sagen, daß mein Fall, der Fall der geistig sinnlichen Setzung der farbigen Arabeske, heute einmalig und aktuell ist.

Übergehen wir die kleinen Schmutzereien in jenem Artikel, Verwischung der Jahreszahlen, den süßlich freundschaftlichen Ton und andere kleine Gemeinheiten.