Jürgen Habermas ist neulich sogar in der Welt zu Ehren gekommen: er habe, so berichtete die Zeitung, in Hannover während des Kongresses im Anschluß an die Beerdigung Benno Ohnesorgs den Berliner Studentenführer Rudi Dutschke in die Schranken gewiesen und dessen sozialrevolutionäre Thesen als „linken Faschismus“ bezeichnet. Den Frankfurter Professor für Philosophie und Soziologie, seit einigen Jahren mit Adorno, Horkheimer und Marcuse einer der Kirchenväter des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), wird ein Lob von dieser Seite getroffen haben – vielleicht ähnlich wie Adorno der rote Gummiteddy, den ihm eine Studentin in Berlin überreichen wollte.

Rudi Dutschke gilt seit seinem Spiegel-Gespräch nicht nur als ideologischer Sprecher der Berliner Studenten. Er war auch Kassenmagnet bei den Diskussionen, die der SDS zum Semesterende an den Universitäten in der Bundesrepublik organisierte. „Genosse Rudi“, wie ihn seine Freunde nennen, tritt mit lilafarbenem Kunstfaserhemd, einer halben Beatlemähne und einem Dreiviertelbart vor die überfüllten Hörsäle, redet – notfalls auch ohne Mikrophon. – stundenlang, überzeugt seine Zuhörer nicht nur durch brillante Rhetorik, sondern auch durch seine kluge und faire Art, in der er die Fragen von RCDS-Studenten pariert. Nur wenn er nach dem linken Faschismus gefragt wird, den Habermas ihm unterstellt haben soll, scheint seine rauhe Stimme ihr Timbre zu modulieren.

Keineswegs, so wehrt sich Dutschke, habe Habermas ihn als linken Faschisten abstempeln wollen – abgesehen davon, daß Faschismus nie links sein könne. Lediglich die Frage habe er angedeutet, ob sich aus Dutschkes Thesen einmal als politische Auswirkung so etwas wie ein linker Faschismus ergeben könne, und dabei habe Habermas wohl daran gedacht, daß Mussolini einst Chefredakteur des sozialdemokratischen Avanti gewesen sei. Von Habermas jedenfalls, so scheint es, möchte er sich nicht distanzieren. Es gebe da Mißverständnisse – und auch mit Adorno habe man sich ja nach dem mißglückten Teddy-Affront am nächsten Morgen im Republikanischen Club weitgehend geeinigt.

Rudi Dutschke ist nicht der Spinner und Gesellschaftsclown, als den ihn eine gewisse Öffentlichkeit gern sehen möchte, sondern ein hochintelligenter, belesener, beschlagener homo politicus, der genau weiß, was er will. Rudi Dutschke ist kein Einzelgänger. Er ist auch nicht nur Genosse seiner SDS-Kommilitonen. Er erinnert an Savonarola oder einen mittelalterlichen Franziskanermönch, der sich als Verfechter der Armutsbewegung mit der offiziellen Kirche anlegte. Denn ein säkularisiertes missionarisches Pathos gegen Unterdrückung und Hunger, das ist es, was ihn treibt. Sein, unbestreitbarer Erfolg in den letzten Wochen bei Tausenden von Studenten, die in der Mehrzahl dem SDS kritisch gegenüberstehen, läßt sich wohl auch darauf zurückführen, daß Dutschke ausgesprochen hat, was viele von uns ebenfalls finden: es ist ein Skandalon, daß wir in einer Welt leben müssen, in der täglich Tausende verhungern und die Kluft zwischen arm und reich immer größer wird. Wir finden es empörend, daß in Indien Hungersnöte herrschen, während in Belgien in der letzten Julihälfte allein 500 000 Blumenkohlköpfe vernichtet wurden, damit in der EWG die Preise nicht sinken; empörend und ungerecht, daß in Entwicklungsländern die Lebenserwartung dreißig bis vierzig Jahre geringer ist als bei uns oder daß als Ergebnis der Kennedy-Runde die GATT-Konferenz Beschlüsse faßt, die sich für die Dritte Welt verheerend auswirken dürften. Insofern können Dutschke und seine Freunde mit ihrem allgemeinen Ruf nach Revolution zunächst auf wohlwollendes Echo zählen. Entscheidend allerdings ist die Frage: Was soll Revolution hier bedeuten? Und vor allem: Auf welche Weise wollt ihr revolutionieren?

Es scheint mir wichtig, die Theorie der Revolutionäre zu prüfen: derjenigen, die sich für Revolutionäre halten, und derjenigen, deren Philosophie vielleicht einmal revolutionäre Auswirkungen haben wird, auch wenn sie sich selbst nicht als Revolutionäre verstehen.

Zunächst zu einem Deutschen, der sich als Revolutionär versteht, zu Rudi Dutschke. So harmlos, wie er sich mit seinem Ruf „Für gewaltlose Revolution!“ vor den Studenten in Heidelberg, Freiburg oder Mannheim gab, ist er in Wahrheit nicht – das ändern auch keine taktischen Dementis.

Nicht ohne Grund läßt er nach seinen Vorträgen für eine Mark einen Brief von „Che“ Guevara vertreiben, der jetzt angeblich in Bolivien den Guerillakrieg gegen General Barrientos anführt.