Von Horst Krüger

Oft ist es nicht gewesen in meinem Leben, zugegeben. Vielleicht vier- oder fünfmal, nicht mehr. Leute meiner Art kommen mit den wirklich Großen der Zeit, den Industriekapitänen, den Besitzern von Konzernen und Imperien ja kaum in Kontakt. Im Grunde versäumt man nicht viel – oder? Elite, die Blüte der Nation: sie leitet in diesen hochaufgeschossenen, neonstrahlenden Wolkenkratzern in München, in Hamburg, in Düsseldorf eine Armee von fleißigen und eilfertigen Angestellten. Man merkt es kaum, wie sie ihre Milliarden verwalten, zusammenhalten und mehren: lautlos. Sie sitzen in ihren vornehmen und weiträumigen Zimmern einsam hinter blank aufgeräumten Schreibtischen und drücken nur gelegentlich auf Knöpfe: die Schalthebel der elektronischen Macht.

Und gelegentlich, ganz selten, wie gesagt, geschah es, daß ein solcher Druckknopf tatsächlich mir galt. Nanu? Es ging ein Zittern, ein Hauch von Erregung durchs hohe Haus und teilte sich den Niederungen enger Redaktionsstuben unten freudig mit: „Mein Liebster, es ist nun soweit, das Außerordentliche ist geschehen – Herr Mertens persönlich will Sie sprechen.“

Die ganz oben, die Höchsten, die Besitzer vom ganzen Laden, erkennt man zunächst daran, daß sie keine Titel mehr führen, sondern sozusagen barhäuptig einhergehen. Sie sind wieder ganz schlicht. Es käme keiner Steigerung gleich, das Türschild zu lesen: „Professor Springer.“ Der Name Axel bürgt für Qualität.

So lange man in Zimmer eingelassen wird, an deren Türen Titel und Ränge notiert sind, handelt es sich nicht um die, die ich meine. Direktoren und Chefzimmer gibt es wie Sand am Meer in Deutschland. Gehobene Führungskräfte haben allen Grund, sich ihrer Würde und Stellung bewußt zu bleiben. Nicht so die ganz oben. In ihrer einsamen Höhe herrscht wieder jenes milde und zivile Klima, das man auch aus den Kreisen kommandierender Generäle kennt. Die reden sich alle nur mit „Herr“ an.

War es nun ein Zufall, daß die wenigen Mächtigen, bei denen ich vorsprechen durfte, sich alle in so leidendem und kränkelndem Zustand befanden? Man war durch vierzehn Stockwerke in die höchsten Höhen gefahren, man hatte Vorzimmer und noch einmal Vorzimmer passiert; im letzten sitzen immer diese blanken und glatten Jungs, die „persönliche Referenten“ heißen.

Es wird immer vornehmer und weiträumiger, stiller und feierlicher um einen, schon versinkt man in frohe und schmeichelnde Teppiche, jetzt hat man einen Augenblick einen wunderbaren Blick über das Panorama der Stadt, und dann öffnet sich die Tür zu dem Gewaltigen – und was ist? Wer versucht vergebens, sich zu erheben? Ein alter, gichtbrüchiger Mann, der eben mit seinem Sessel wie mit einem Rollstuhl kämpft.