Von Ben Witter

Rosa, aber nicht pummelig: Heinrich Martin im Kinderwagen in seinem Geburtsort Reisby, Kreis Hadersleben. Schmuck und stabil: zehn Jahre danach auf einem Photo im Apfelbaum. Ebenso später, mit sechzehn: als Krabbenfischer im Wattenmeer. Und während der Matrose Martin auf einem Motorschiff Rinder aus Irland nach Hamburg bringen half, dachte sein Kapitän: Der Heinrich sieht aus wie einer, der Rinder züchtet...

Obgleich Martin bald auf große Fahrt ging, zog es ihn immer stärker an die Küste zurück. So kam er schließlich stromaufwärts nach Hamburg.

Da sitzt er nun in einem Kabuff auf dem Schlepperponton bei Fähre 7, vor sich die Hafenschlepper der „Fairplay“, dieser alteingesessenen Schleppdampfschiffahrts-Reederei, und hat es inzwischen vom Schiffsführer zum Inspektor gebracht. Hinter ihm die Anlegestelle für Polizeiboote, die aufgefischte Leichen dort der Feuerwehr überläßt; ein Stück weiter längs die Pumpstation, die St. Paulis Abwässer in die Elbe leitet.

Schlepperschiffer Martin spielt mit seinem schwarzen Brillengestell, raucht eine schwarze Zigarette und trinkt seinen schwarzen Kaffee. Es wird diesig. Er läßt seine Brille in Ruhe und sagt: „Zwei ‚Liberty-Schiffe‘ kamen letzthin mit der Flut von See, es war ungefähr so spät wie heute. Plötzlich stand eine riesige Wand hinter unseren Schleppern, und schon wurden sie aus der Vertäuung gerissen. Mit ihren Steven schürften die Riesen am Ponton entlang. Hätten wir kurz vorher nicht Wachwechsel gehabt, wären die Besatzungen der Schlepper nur noch halb soviel wert gewesen.“

Er setzt seine Brille auf: „Ich bin bei einer Bergung, nicht weit von hier, mit meinem Schlepper umgerissen worden. Der Nebel war gelblich; wir sprangen alle rechtzeitig über Bord, mein Heizer tauchte allerdings nicht wieder auf. Durch den Temperaturabfall erlitt er bestimmt einen Herzschlag. Entweder ist er elbabwärts in die Nordsee getrieben worden oder unterwegs hängengeblieben. Oft denke ich, wenn ein Polizeiboot eine Leiche bringt, ob er das wohl ist?“