Von Joachim Schwelien

Washington, Ende August

Patler, du dreckiges Schwein, du dreckiger Mörder“, schreit der junge, athletisch gebaute Mann im Zuschauerraum des Arlingtoner Kriminalgerichtes und versucht, sich auf den Angeklagten zu stürzen, der gerade von einer Schar Polizisten in den Saal geleitet wird. Noch ehe er dazu kommt, liegt er am Boden, von Kriminalbeamten überwältigt, die ihn in Handschellen legen und hinausschleifen. Der Unruhestifter heißt Ray Weinberg. Er ist ein auf Studentenvisum in Amerika lebender australischer Nazi, der seine Tage im Hauptquartier der „American Nazi Party“ im Washingtoner Vorort Arlington verbringt. Als die Kriminalbeamten und Sheriffs ihr zappelndes Opfer abschleppen, brüllt Weinberg noch einmal in den Saal: „Hoch lebe die amerikanische Nazi-Partei.“

Auch John Patler ist von Polizisten am Richtertisch vorbei in einen sicheren Raum befördert worden. Die Arlingtoner Justizbehörden wollen mit allen Mitteln verhindern, daß sich hier das Geschehen von Dallas bei der Ermordung Präsident Kennedys en miniature wiederholt und etwa der des Mordes an George Lincoln Rockwell, dem „Commander“ der American Nazi Party“, verdächtigte John Patler, von einem der fanatischen Rivalen umgebracht wird, ehe es zur Gerichtsverhandlung gegen ihn gekommen ist.

Denn es hat bei diesem Verbrechen schon einige, wenn auch ganz abstruse Analogien zum Schreckenstag von Dallas gegeben. Rockwell wurde in seinem Auto von einem Schützen erschossen, der vom Dach eines Waschautomatenladens auf ihn feuerte, der dann davonrannte und den die Polizei eine halbe Stunde später als den vermutlichen Täter faßte. Wie Lee Harvey Oswald hat Patler ein unstetes Leben in einem Milieu der Gewalttätigkeit hinter sich – sein Vater, ein griechischer Einwanderer, ermordete Patlers Mutter und saß lange Jahre in Sing-Sing. John Patler hat sich in seiner eigenen Biographie, veröffentlicht im amerikanischen Nazi-Hetzblatt „The Stormtrooper“, sogar gerühmt, einige Zeit in demselben New Yorker Heim für unbeaufsichtigte Jugendliche verbracht zu haben wie Oswald. Wie der Kennedy-Mörder gehörte er dem Marinecorps an und erwarb das Scharfschützenabzeichen, ehe er zu der kleinen Bande stieß, die sich großspurig als amerikanische Nazi-Partei bezeichnet. Und wie Oswald muß er sich zeitweilig dem marxistischen Agitprop verschrieben haben. Deswegen hat ihn der „Führer“ Rockwell im April aus der Nazi-Partei ausgeschlossen – der Mann, dem er einmal mit zehn Dollar aushalf, weil er kein Geld mehr hatte, seine Stromrechnung zu bezahlen.

Noch bestreitet John Patler, den Mord an dem amerikanischen Nazi-Führer begangen zu haben. Erst der Prozeß wird klären, ob er der Täter war. Ob er oder ein anderer der Schütze war, ist für den „Ruf“ der amerikanischen Nazis freilich gleichgültig. In den USA weiß jedermann, daß sie ohnehin nicht mehr darstellen als einen kleinen Haufen politischer Clowns, überwiegend entwurzelte, vom Tag der „Machtergreifung“ träumende Halbstarke. Die in Arlington im Staat Virginia von Rockwell gegründete Partei hat in diesen? Vorort von Washington höchstens zwanzig zahlende Mitglieder, in ganz Amerika mit ihren „Hauptquartieren“ in Los Angeles und Chikago sind es vielleicht zusammen zweihundert Anhänger, und selbst auf der radikalen Rechten, wie bei den Mitgliedern der geheimen Birch-Gesellschaft, will niemand mit dieser Partei identifiziert werden.