Von Ulrich Lohmar

Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zum Ausbau der bestehenden Hochschulen bis 1970 und der Forschungsbericht II der Bundesregierung sollten bald nach Beendigung der parlamentarischen Sommerpause den Bundestag beschäftigen. Das Parlament wird sich dabei nicht begnügen können, die in beiden Dokumenten dargestellten Probleme mehr oder minder zustimmend zu kommentieren. Es geht vielmehr um eine gesamtpolitische Einordnung und Zuordnung der Dinge, um ein Konzept der Wissenschaftspolitik im Rahmen der Staatspolitik. Dieses Konzept sucht man auch im Bundesbericht Forschung II vergebens, von der Präzisierung der mittelfristigen Finanzpolitik im Wissenschaftsbereich einmal abgesehen.

Der Bundesminister für wissenschaftliche Forschung hat in letzter Zeit zu Recht darauf aufmerksam gemacht, daß die Bildungspolitik der Länder und die gemeinsam von Bund und Ländern betriebene Wissenschaftspolitik einer Koordinierung bedürfen.

Wie wichtig diese Abstimmung ist, ergibt sich schon aus dem Umstand, daß die Zahl der Studienbewerber die Zahl der verfügbaren Studienplätze im nächsten Jahrzehnt im ganzen erheblich und in einzelnen Fächern in außerordentlichem Maße übersteigen wird. Das zwingt uns zu einem beschleunigten Ausbau der bestehenden und der neuen Hochschulen. Wenn es jedoch stimmt, daß wir schon Mitte der siebziger Jahre mit bis zu 500 000 deutschen Studenten rechnen müssen, dann ist offenkundig, daß sich bis dahin der Ausbau der Hochschulen in einem solchen Ausmaß nicht wird durchführen lassen.

Aus diesem, aber auch aus Gründen einer an Berufschancen genauer orientierten Ausbildungsplanung wird die Frage nicht länger vertagt werden können, ob und wie ein Teil der höheren Schüler an einem weiterführenden Besuch von Fachschulen statt an einem Hochschulstudium interessiert werden soll. Verkürzte Studiengänge in den philosophischen und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten vor allem können, verbunden mit einer allgemeinen zeitlichen Rationalisierung des Studiums, zu einer Entlastung der Hochschulen beitragen und gleichzeitig die Ausbildungsansprüche an die Hochschulen vom Studierenden her differenzieren. Die Anpassung des Abiturs an diese Sachlage und die unverzügliche Durchführung der Studienreformvorschläge des Wissenschaftsrates, wenn auch mit Varianten, sind erforderlich. Von beiden Entscheidungen und Entwicklungen hängt nicht nur das Ausmaß, sondern auch die Art des Ausbaues unserer Hochschulen ab, deren Arbeitsteilung in der Forschung überdies die einzige Chance bietet, eine Abwanderung der Forschung aus der Hochschule und damit die Auflösung der Verbindung zur Lehre zu vermeiden.

Alle diese Fragen bedürfen einer klärenden Erörterung und Entscheidung, woran neben dem Wissenschaftsrat und dem Bildungsrat die Bundesregierung und die Landesregierungen beteiligt sein müssen.

Es geht eben nicht nur um die Bereitstellung großer finanzieller Mittel in den Haushalten von Bund und Ländern, was schon schwierig genug ist. Unabhängig von der noch in den Sternen stehenden Finanzreform und möglicherweise damit verbundenen Verfassungsänderungen im Bereich von Wissenschaft und Bildung müssen Bund und Länder jetzt ihre Folgerungen aus der Situation für das nächste Jahrzehnt ziehen.