Von Ruth Herrmann

Zwei junge Doktoren vom Institut für Sexualforschung an der Universität Hamburg (Leitung Professor Hans Giese) machten einen Test mit 70 Studenten, den sie selbst als „eine relativ unbedeutende Sache“ bezeichnen. Dr. Gunther Schmidt, Psychologe, und Dr. Volkmar Sigusch, Medizinalassistent, wollen, wenn die Testergebnisse vorliegen, feststellen, welche Verhaltensänderungen durch das Betrachten obszöner Photos hervorgerufen werden. Ihre Untersuchungen gehören zum großen Gebiet der Fragen nach der vieldiskutierten Jugendgefährdung, die Giese seit langem durch exakte Feststellungen zu fixieren und von landläufigen Urteilen und Vorurteilen zu lösen versucht.

Die Probanden dieses besonderen Versuches, bei dem mittels eines rotierenden Projektors, Marke „Carousel S“, 72 möglicherweise sexuell stimulierende Photos, Akte und Aktionen darstellend, dem allein im Versuchsraum Sitzenden an die Wand gestrahlt werden, waren allerdings zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt und bedürfen des Jugendschutzes nicht mehr. Ihre angekreuzten Antworten auf Fragebogen, die sie während der Vorführung zu geben hatten, sollen nur darüber Aufschluß geben, wie eben der Personenkreis, zu dem diese jungen Wissenschaftler gehören, auf das reagiert, was in Illustrierten, auf Plakaten und in Blättern wie „Playboy“ auch zu finden ist oder auf Photos, die im Dunklen gehandelt, per Post versandt oder dem Gast von St.-Pauli-Lokalen am diskreten Ort angeboten werden.

„Wir gingen von einer Hypothese aus“, sagen die Versuchsleiter, „von der Hypothese, daß die Konfrontation mit obszönen Darstellungen eine Konfliktsituation herbeiführt, auf die entweder mit erhöhter Appetenz oder aber mit Hemmung reagiert wird. Nach unserer Hypothese hängt die Reaktion vom Ausmaß des politischen Konservativismus ab, von der sexuellen Erfahrung der Testperson, von ihrer Freizügigkeit in sexuellen Auffassungen und Merkmalen wie der Extraversion.“

Das „Carousel S“ (bei dem S nicht etwa für Sex steht) zu bestücken war nicht einfach. Zwar hatten die Versuchsleiter sich mit Mühe ungefähr zehntausend Aufnahmen von der Polizei in Hannover und Hamburg, von amerikanischen Kollegen, einer Illustrierten und aus anderen Quellen beschaffen können. Aber nur nach 300 Photos wurden Schwarzweißdias hergestellt und von ihnen zunächst 125 in einem Vorversuch gezeigt. Dabei selektierten die Versuchspersonen 72 Aufnahmen.

Diese 72 Versuchsbilder, deren Versucherkraft untersucht werden sollte, waren so gruppiert, daß die Darstellungen nach jeweils 24 Projektionen wieder beim schönen Mädchen im Badeanzug anfingen und mit gestellten Szenen endeten, die selbst im stillen Kämmerlein nur in Nahaufnahme gemacht werden können. Mit anderen Worten: „Profis“ waren bei letzteren die Akteure, und diese Tatsache erwies sich als für viele Probanden entscheidend: Die „Typen“ stießen sie ab.

Die Testpersonen legten ihre Urteile und Bekenntnisse anonym auf den Altar eines Zweiges der Wissenschaft, der es schwer hat, aus der reinen Luft der Forschung das Odeur der nackten Tatsachen herauszuhalten, die auf diesem Gebiete nicht immer gerade geisthaltig sind. Was die Probanden in zugeklebten Umschlägen in eine Art Wahlurne aus Plexiglas warfen, weiß man noch nicht. Zu viele Antworten stehen noch aus. Aber fünf junge Wissenschaftler, die sich freiwillig für das Experiment zur Verfügung gestellt hatten, waren ebenso freiwillig bereit, mir zu berichten, wie sie auf die 72 Projektionen (jede 20 Sekunden lang zu betrachten) reagiert hatten.