Das Börsenkarussell hat sich einmal gedreht. Fast alle Aktien sind von der spätsommerlichen Hausse erfaßt worden, Jetzt geht es in eine neue Runde. Selbst Skeptiker vertreten die Ansicht, daß an der deutschen Börse in den kommenden Monaten noch viel zu verdienen ist. Der mit Sicherheit zu erwartende konjunkturelle Aufschwung sowie die ungewöhnliche Liquidität bilden die Voraussetzungen für einen weiteren Kursanstieg. Unterschiedlich sind allerdings die Meinungen darüber, wie lange er anhalten wird. Vorsichtige Propheten meinen: Bis Mitte nächsten Jahres, danach müssen wir weitersehen. Im Hintergrund steht zweifellos die Furcht vor den Auswirkungen der Schillerschen sozialen Symmetrie.

Der in der zweiten Augusthälfte eingetretene Kursrückschlag wird nicht als beunruhigend angesehen. Angesichts der steilen Aufwärtsbewegung zogen sich die großen Anleger zunächst einmal zurück; der Börsenberufshandel sowie der spekulativ eingestellte Teil der Bankenkundschaft realisierten Kursgewinne. Alle wollen sie wieder kaufen, aber billiger als heute. Damit ist die Börse gegen einen tiefen Rückschlag gut abgesichert.

Aber woher soll der neue Aufschwung kommen? Bis zum Beginn dieser Woche zeichnete er sich noch nicht ab. Gibt es schwächere Kurse, so werden neue Käufer mit Sicherheit angelockt. Stabilisieren sich die Kurse auf dem jetzigen Niveau und erkennen dann die Investoren, daß sie nicht billiger einsteigen können, wird die zweite Hausse-Runde eingeläutet. Geld genug ist vorhanden.

Mit Unbehagen sehen Börsenkreise allerdings der Bundestagsdebatte über die mittelfristige Finanzplanung entgegen. Es wird befürchtet, daß der Bundestag sich rasch über die von der Bundesregierung vorgeschlagenen Steuererhöhungen einigen wird, aber nicht über die vorgesehenen Einsparungen, besonders im Sozialhaushalt. Die sich daraus ergebenden Spannungen können das Klima an der Börse zumindest vorübergehend beeinträchtigen. Kein Wunder also, wenn vorsichtig disponiert wird. Hinzu kommen die Meinungsverschiedenheiten zum Kapitel Finanzreform, die eine Neuverteilung der Steuereinnahmen zwischen Bund, Länder und Gemeinden bringen soll. Einige Politiker scheinen unter Reform schlicht Steuererhöhung zu verstehen. Sie müßte zwangsläufig zu einer Überprüfung aller privatwirtschaftlichen Investitionspläne führen. Der Börsenhimmel ist keineswegs wolkenlos!

Daher der Wunsch mancher Aktienkäufer nach Sicherheit. Von ihm profitieren die Aktien der Versorgungsindustrie, bei denen sich der Kursrückschlag in bemerkenswert engen Grenzen hielt. Das erklärt auch die Stabilität der Veba-Aktie, die in den letzten Wochen im breiten Publikum neue Freunde gewonnen hat. Auf der anderen Seite haben Erstzeichner die jetzigen Kurse zum Anlaß genommen, sich von diesem Papier zu trennen, obwohl der Lohn geduldigen Ausharrens greifbar nahe ist.

Wer das Risiko nicht scheut, kauft zur Zeit Montanaktien, angeregt durch die Gespräche über die sich in der Eisen- und Stahlindustrie vollziehende Unternehmenskonzentration. So kamen in der abgelaufenen Woche Ilseder Hütte (man spricht von Dividendenaussichten und Verhandlungen mit Klöckner) und Hüttenwerk Oberhausen (Verhandlungen mit Thyssen) zu neuen Höchstkursen. Selbst dem in seinen Informationen recht mageren Klöckner-Aktionärsbrief vermochte die Börsenspekulation Geschmack abzugewinnen. K. W.