Es geschah in Prag, in diesen Tagen: Ein Ruderer fand die Leiche; der Arzt stellt fest, sie habe bereits vier Tage im Wasser gelegen; die Polizei meinte, der Mann sei ertrunken; Politiker, Rechtsanwälte und Organisationen behaupten, er sei ermordet worden – der 59jährige Amerikaner Charles Jordan, Vizepräsident der jüdischen Hilfsorganisation „Joint Distribution Committee“.

Jordans mysteriöser Tod droht sich zu einer politischen Affäre auszuweiten. Während die Prager Polizei Berichte über die Verhaftung von sieben Verdächtigen energisch dementierte, vermutete der Londoner „Observer“, Jordan sei das Opfer rivalisierender Gruppen in der Tschechoslowakei geworden.

Vorläufig ist nur so viel erwiesen: Jordan befand sich mit seiner Familie auf einer Ostblock-Tour; sie hatten bereits Rumänien und Ungarn, besucht. Nach seinen Verhandlungen mit jüdischen Verbänden in der CSSR wollte Jordan in die Sowjetunion Weiterreisen. (Seine Organisation unterstützt bedürftige Juden in Übersee.)

Am Mittwoch vergangener Woche hatte Jordan sein Prager Hotel verlassen, um sich eine Zeitung zu kaufen. Er kehrte nicht wieder zurück. Seine Frau erstattete Vermißtenanzeige. Vier Tage später wurde Jordans Leiche aus der Moldau geborgen.

An den Ergebnissen der ersten, rasch vorgenommenen Autopsie, wurde in den USA sogleich ernste Zweifel laut. Angeblich zeigten sich an dem Toten keine Gewalteinwirkungen. Die Polizei stellte die Ermittlungen ein. Erst als im Westen von Mordverdacht gesprochen wurde – so von Israels Staatspräsident Schasar und von jüdischen Organisationen in Amerika –, nahmen die Prager Behörden die Untersuchung wieder auf.

Auf Drängen des Anwaltes des „American Joint Distribution Committee“, Seymair J. Rubin, wurde Jordans Leiche zu einer zweiten Autopsie in die USA übergeführt.

Die Hilfsorganisation, in der Jordan seit 1941 tätig war, spielte in der Tschechoslowakei schon einmal eine Rolle. 1952. in dem Prozeß gegen den ehemaligen Prager Außenminister Slansky, war dem Angeklagten vorgeworfen worden, er habe über das „Committee“ Geheimnisse an den Westen verraten. Slansky wurde damals zum Tode verurteilt

Auf die Vorwürfe wegen eines wachsenden Antisemitismus, entgegnete dieser Tage der tschechische Staate- und Parteichef Novotny: „Wir verurteilen jede Art des Rassismus!“ Die Präsidenten von 23 jüdischen US-Organisationen hatten zuvor erklärt, es sei „mehr als Zufall, daß Jordan zu einer Zeit verschärfter antisemitischer Propaganda in der CSSR den Tod gefunden haben sollte“. Und der Anwalt Rubin meinte. Jordan sei zwar Nichtschwimmer gewesen, ein erwachsener Mensch könne aber in der Moldau nicht ertrinken.