Kempten/Allgäu

Der Oberstaatsanwalt Herbert Fendt vom Landgericht in der schönen Kemptener Residenz hüllt sich lieber in Schweigen. „Der Fall Ortlieb wird eingehend geprüft“, sagt er. Sonst nichts. Seit knapp drei Wochen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Vernehmungsniederschriften, Unterlagen, Protokolle und Ermittlungsergebnisse füllen zwei Aktenordner. Eine Sterbeurkunde ist auch dabei. Sie bescheinigt, daß der Sanitätsgefreite Roman Ortlieb, 24 Jahre alt, am 11. August 1967 im Bundeswehrlazarett Kempten gestorben ist.

Aus den dürren Akten geht hervor, daß Roman Ortlieb sieben Tage brauchte, um zu sterben. Niemand war offensichtlich in der Lage, ihn zu retten. Die Todesursache wurde am 5. August geschaffen. Damals übte eine Einheit der Heeresunteroffiziersschule Sonthofen auf dem Truppenübungsplatz Bodelsberg bei Kempten. Mit ihr der Gefreite Ortlieb. Er und zwei weitere Gefreite schliefen in den frühen Morgenstunden in einem Erdbunker, zu dessen Eingang vier Stufen führten.

Um 5.45 Uhr morgens entzündete der Feldwebel Peter Kellein, 26 Jahre alt und einer der Ausbilder an der Unteroffiziersschule, eine sogenannte Nebelkerze im Bunkereingang. Später sagte Kellein aus, daß er damit ein „gefechtsmäßiges Alarmwecken“ auslösen wollte. Die Nebelschwaden, die schwerer als Luft sind, wälzten sich in den Bunker. Hustend und würgend stolperten zwei Soldaten ins Freie. Ortlieb war nicht dabei. Nach einiger Zeit holten ihn zwei Kameraden, die Gasmasken aufgesetzt hatten, aus dem total vernebelten Bunker. Er hatte nicht mehr allein den Ausgang gefunden. Seine Augen tränten, er litt unter Atemnot und konnte sich nicht mehr aufrecht halten. Er wurde ins Bundeswehrlazarett Kempten geschafft, wo sich ein Arzt um ihn bemühte.

Ob Ortlieb auch hätte gerettet werden können, steht bisher nicht sicher fest. Mit ziemlicher Sicherheit weiß man aber, wie er starb. Er starb langsam. Er hatte Zinkchlorid eingeatmet. Es war in die feinen Bläschen seiner Lunge gelangt. Es hatte von Tag zu Tag zu schwereren entzündlichen Veränderungen in der Lunge geführt. Am 11. August war Ortlieb tot.

Das Zinkchlorid entsteht bei der Zündung von Nebeltöpfen, die Zinkstaub und Hexachloräthan enthalten. Nach einem chemischen Gutachten in den Unterlagen der Kemptener Staatsanwaltschaft zieht es große Mengen Wasser aus der Luft an, wird dabei zu Zinkoxydchlorid und bildet zusammen mit dem Wasser Nebeltröpfchen. Nach dem gleichen Gutachten enthält der Nebel im Freien nichts mehr von dem gefährlichen Zinkchlorid, weil genügend Feuchtigkeit vorhanden ist. In geschlossenen Räumen, noch dazu in einem Erdbunker ohne Fenster, ist das anders. Das Wasser in der Luft reicht nicht aus. Der Nebel wird tödlich.

Angesichts des tödlichen Nebels ging die Bundeswehr zunächst in volle Deckung. Erst am 9. August wurde die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, die den Fall vorerst ziemlich routinemäßig behandelte. Sie wurde erst richtig aktiv, als der Gefreite Ortlieb tot war. Doch die Bundeswehr hüllte sich auch dann noch in amtliches Schweigen. Sie gab Laut, als verschiedene Vorwürfe erhoben wurden. Am 24. August dementierte das Bundesverteidigungsministerium, daß beim Abbrennen des Nebeltopfes Phosgen gebildet worden sei. Dieser Kampfstoff, so das Ministerium, sei in der Bundeswehr nicht vorhanden. Am gleichen Tag bestritt der stellvertretende Kommandeur der Unteroffiziersschule, Oberstleutnant Fiebig, daß die Affäre verschleiert werden sollte. Das Wehrbereichskommando 6 in München beteuerte, bisher sei nichts davon bekannt, daß Nebeltopfzünder Kellern und Nebeltopfopfer Ortlieb verfeindet gewesen seien. Außerdem: Der Nebeltopf sei vorschriftwidrig gezündet worden. Nichts weiter.