Berlin

Es war am letzten Samstag um 16 Uhr in Westberlin. Drei seriös aussehende Herren entstiegen vor dem Hauptportal des Berliner KaDeWe, des „Kaufhauses des Westens“, ihrem Opel Rekord, nickten einem Flugblätter verteilenden Betriebsrat aufmunternd zu und zückten ihre Kamera. Was die Herren Baumann und Franzen vom Bundesvorstand der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) am frühen Nachmittag photographierten, sollte nach dem ursprünglichen Willen der Kaufhausdirektion erst um 21 Uhr wieder aus der Versenkung hervorkommen: das gülden bestrichene Tor zu Berlins populärster Einkaufsstätte.

Ebenso wie ihre Kollegen vom Kaufhaus Defaka vermochten die leitenden Herren des KaDeWe die Sicherheit von Kunden und Personal schon um 15 Uhr nicht mehr zu garantieren. Demonstranten in und vor den Gebäuden ließen rechte Kauf- und Verkaufstimmung nicht aufkommen; sie störten den Geschäftsbetrieb an Berlins erstem langem Samstag.

Steter Kampf um einen Anteil Duft der großen weiten Welt, verkehrsamtliche Umfragen nach der Touristenmeinung und das Verlangen der in einer „Aktionsgemeinschaft Europa-Center“ organisierten Geschäftsinhaber nach dem rechten Verhältnis zwischen Umsatz und Pacht im stolzen Hochbauwerk am Breitscheidplatz hatten den Berliner Senat zu einer experimentellen Änderung der Ladenschlußzeiten veranlaßt. An zunächst drei Sonnabenden, so hatte man im Rathaus Schöneberg beschlossen, darf der Einzelhandel seine Geschäfte bis 21 Uhr geöffnet halten.

Dem Senatssinn für echten Weltstadt-Appeal brachte der Berliner Landesvorsitzende der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, Rudolf Schnee, wenig Verständnis entgegen. Solle doch der Sozialsenator Neubauer jeden Samstag in die öffentliche Badeanstalt gehen, auf daß mauermüde Touristen sehen können, ob der Senat sich noch über Wasser halten kann, empfahl der Gewerkschaftsmann in einer ersten Protestversammlung vor 500 Verkäufern und kündigte Kampfaktionen gegen den langen Samstag an.

Und während der Vorsitzende noch nach den rechten Kampfesmitteln sann, ersuchten Betriebsräte den Republikanischen Club um Rat und Tat, was ihnen nicht versagt wurde. Der gewerkschaftlich-republikanischen Zusammenarbeit entsprang ein vom SDS, dem Landesvorstand der Sozialistischen Jugend, den Falken und dem gewerkschaftlichen Clubarbeitskreis unterzeichnetes Flugblatt, das die Berliner aufforderte, „das unsoziale Experiment eines hilflosen und einfallslosen Senats“ zu boykottieren.

Am 30. September soll die zweite Schlacht um den langen Samstag geschlagen werden, doch nicht nur mit Flugblättern, wie Rudolf Schnee ankündigte. Er hat sich inzwischen von den Studenten distanziert – im Gegensatz zum Bundesvorstand seiner Gewerkschaft, der es „phantastisch“ findet, daß sich akademische Mitstreiter gefunden haben.

Horst Rieck