Khartum, im August

Am Vorabend der Gipfelkonferenz in der sudanesischen Hauptstadt Khartum drängten sich vor dem Eingangstor des Präsidenten-Palastes die Menschen um eine überdimensionale Landkarte. Voller Stolz zeigten sie auf die Hauptstädte der dreizehn Mitgliedstaaten der Arabischen Liga und debattierten heftig über die Politik gegenüber Israel. Doch dann kam ein mit tropischer Gewalt niederprasselnder Regenguß, und bei Konferenzbeginn war die Tafel völlig aufgeweicht. Die Bilder der Könige und Präsidenten hingegen waren vorsichtshalber trocken gelagert worden; sie wurden erst wenige Stunden vor Konferenzbeginn aufgehängt. Daß darunter auch die Porträts jener Staatschefs waren, die abgesagt hatten, wurde mit der Solidarität der Araber begründet.

Für die Gäste hatten die Verwaltung und die regierende sudanesische Umma-Partei den Jubel der Massen trefflich organisiert. Der 29. August wurde zum Feiertag erklärt, und bereits um neun Uhr früh standen kleine Gruppen am Straßenrand und klatschten Beifall, als Staatspräsident Azhari in seinem offenen schwarzroten Rolls-Royce zum Flugplatz fuhr, um den ersten Besucher des Tages abzuholen. Es war der junge Emir von Kuwait, der ebenso stramm grüßte wie am Abend zuvor König Hussein von Jordanien. Enthusiasmus aber gab es erst, als Nasser eintraf. Noch einmal wurde deutlich, daß der ägyptische Präsident gerade wegen seiner Niederlage im Krieg gegen Israel zum Symbol aller panarabischen Hoffnungen geworden ist.

Bei der Konferenz freilich hat Nassers Popularität unter den Massen wenig zu bedeuten. Die Hoffnungen, die auf dieses Treffen gesetzt wurden, sind schon am Tage ihrer Eröffnung auf wenige Punkte zusammengeschrumpft. Ihr Leitmotiv lautet lediglich: Einheit demonstrieren.

Die Minensuchgeräte, mit denen Soldaten entlang der Uferallee des lehmbraunen, angeschwollenen Nils nach verborgenen Sprengkörpern der Moslembruderschaft suchten, waren nur ein weiteres Indiz für die Atmosphäre der Unsicherheit. Sie war zu spüren, als sich am Wochenende die Außenminister zur Ausarbeitung der Tagesordnung zusammensetzten. Es fehlte Algeriens Außenminister Awi. Präsident Boumedienne demonstrierte damit, wie wenig er von Tagungen hält, auf denen über Kompromisse statt über den Wiederbeginn des Kampfes oder die Ausrufung eines Volkskrieges gegen Israel nach vietnamesischem Vorbild geredet wird. Algier und auch Damaskus haben in ihrer Propaganda immer wieder betont, wie unsinnig solche Konferenzen seien, solange die Könige nicht auf den revolutionären Kurs einschwenkten. Zwei Wochen nach der Waffenruhe, so hieß es in den algerischen und syrischen Zeitungen, habe man sich in Kuwait getroffen, dann in Kairo, in Khartum, in Bagdad und jetzt wieder in Khartum. Wie lange solle dieser „organisierte Tourismus von Regierungs-Delegationen“ noch weitergehen?

So konnte es auch nicht überraschen, daß zu Beginn des Khartumer „Gipfels“ bekannt wurde, Boumedienne und auch der syrische Staatschef Atassi würden nicht kommen. Abgesagt haben jedoch nicht die Sozialisten allein. Auch die Könige von Marokko und Libyen blieben zu Hause, ebenso Tunesiens Präsident Bourgiba, der mit seiner jüngsten Empfehlung, einen Ausgleich mit Israel zu suchen, neues Öl ins arabische Streitfeuer goß.

Obendrein dämpfte die Beratung der Außenminister jeden voreiligen Optimismus. Auch hier bildeten sich alsbald die alten Fronten. Saudi-Arabien, Kuwait und Libyen wiederholten ihre Bereitschaft, sich an dem vom Irak geforderten Wirtschaftskrieg gegen Israel und seine „Komplizen“ zu beteiligen, lehnten aber eine Öl-Ausfuhrsperre auch nur für drei Monate ab. Sie waren „grundsätzlich“ mit der Transferierung ihrer Milliarden-Konten von britischen und amerikanischen Banken in arabische und neutrale Staaten einverstanden, wollen dies jedoch nur Zug um Zug tun und auch die Verstaatlichung der ausländischen Ölgesellschaften nicht überstürzen. Ein Delegierter machte seinem Herzen Luft und meinte: „Das sind doch keine Kampfmaßnahmen mehr, das ist doch keine Bestrafung des Westens. Diese Feiglinge ordnen ja alle Politik ihren wirtschaftlichen Interessen unter.“