Von Verfall, Dekadenz einer künstlerischen Strömung, Richtung oder Schule zu sprechen, scheint mir statthaft, wenn in ihr die Kunst zu dem geworden ist, was zu überwinden ihr obliegt, also zur Negation ihrer selbst durch Phrase, Klischee, Routine, Heuchelei, Apologetik, Fetischismus. Ernst Fischer

Sonntagspolemiker

In der Constanze hatte eine Frau empfohlen, „sich über alles, was in der Welt geschieht, zu informieren“. Und darüber macht der Ostberliner Sonntag sich lustig, der in der gleichen Nummer gegen einen Herrn Opfermann polemisiert, der (so berichtete dem Sonntag, ein Peter Lust aus Montreal) „ein bekannter bundesdeutscher Schriftsteller“ ist, eine Biographie des Nazi-Regisseurs Veit Harlan geschrieben hat und nun für „ein paar Vorträge in den ‚Reichspavillon‘, das Ausstellungsgebäude der Bundesrepublik auf der Expo 67 in Montreal“, geladen wurde. Falls Peter Lust nicht eine reine Sonntagserfindung zur Vortäuschung des so begehrten Weltniveaus ist, sollte sich die Redaktion des Sonntag schleunigst von ihm trennen. Niemand, der das deutsche Zelt in Montreal auch nur auf einer Photographie gesehen hat, käme auf den Gedanken, von einem „Gebäude“ zu reden. Der Veit-Harlan-Biograph Opfermann aber hat in Montreal nicht nur ein paar Vorträge gehalten, sondern er ist der bestallte Verantwortliche für Film im deutschen Pavillon – und dagegen hätte sich mit guten Gründen polemisieren lassen. Nur sollten eben die Kollegen vom Sonntag, wenn sie schon nicht selber nach Montreal reisen dürfen, einen seriöseren Mitarbeiter suchen als Peter Lust – oder wenigstens die Constanze lesen und daraus lernen, wie wichtig es ist, „sich über das, was in der Welt geschieht, zu informieren“.

Hommage an die UdSSR

Rund 80 000 Meter Dokumentarmaterial, das aus russischen, deutschen, amerikanischen, schwedischen und französischen Archiven stammt, hatte Frédéric Rossif („Sterben für Madrid“) gesichtet, bevor er an seinen Montagefilm „Die Oktoberrevolution“ ging. Der Film, der kürzlich in Paris fertiggestellt wurde, behandelt die Zeit von der Krönung des Zaren Nikolaus II. im Jahre 1896 bis zum Tode Lenins im Jahre 1924. Eines scheint sicher: daß der Film, den Rossif selber als eine Art Oper bezeichnet, nicht gerade kritisch sein wird. Denn die Uraufführung soll im September außer in Paris und New York gleichzeitig in Moskau stattfinden.

Gordischer Knoten

Die englische Justiz hat eine komplizierte Frage zu lösen: Wer eigentlich soll Joe Orton beerben? Der 34jährige Stückeschreiber hinterließ nämlich rund 600 000 Mark, als er unter gewaltigen Hammerschlägen starb. Vermacht hat er seinen Besitz einem Freund, mit dem er schon seit Jahren zusammenlebte, dem Schriftsteller Kenneth Halliwell. Dieser aber starb mit ihm zusammen, nur nicht durch rohe Gewalt, sondern durch Drogen. Auch er hat seinen Nachlaß dem Freund vermacht. Jetzt gilt es also herauszufinden, welcher der beiden Schriftsteller zuerst starb und ob Halliwell Orton tötete. Weil nach englischem Recht niemand Nutzen aus seinem Verbrechen ziehen darf, wird vermutlich Ortons halbblinder, uralter Vater und nicht ein Verwandter von Halliwell Alleinerbe eines Doppelvermögens werden.