FÜR alle, die es bisher versäumt haben, ihr auf erbauliche Gedanken gegründetes Menschenbild an Hand der Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung zu korrigieren, insbesondere für nachholbedürftige Politiker und Soziologen, Theologen, Pädagogen und Juristen –

Theo Löbsack: „Die unheimlichen Möglichkeiten oder Die manipulierte Seele – Von der Gehirnwäsche zum gesteuerte Gefühl“; Econ Verlag, Düsseldorf, Wien: 318 S., 22,– DM.

ES ENTHÄLT einen umfassenden Überblick über die vielfältigen Möglichkeiten, Menschen vorübergehend oder für dauernd psychisch zu beeinflussen: durch genau gezielte Stromstöße oder Injektionen von Chemikalien ins Gehirn, durch ausgeklügelte seelische Foltermethoden, durch Beruhigungs- und Aufputschmittel, Genuß- und Rauschgifte vom Alkohol bis zum LSD. Das Buch enthält alles, was zum Thema gehört, und einiges mehr. Entbehrlich erscheint, weil emotionsbeladen und ungenügend fundiert, das erste Kapitel, in dem Löbsack wortgewaltig gegen die heutigen Lebensumstände wettert und sie – vom „großen Reizangebot“ bis zur Automation – für die angeblich steigende Zahl der Neurosen verantwortlich macht.

ES GEFÄLLT dennoch, weil die übrigen Kapitel kenntnisreich und kritisch geschrieben sind. Das Buch ist durchweg anregend und ohne Mühe auch Lesern zugänglich, die wissenschaftliche Bildung bisher für entbehrlich gehalten haben. Neueste Entwicklungen (bis zum Frühjahr 1967) sind berücksichtigt. Brillant formuliert Löbsack die Konsequenzen, die aus den Ergebnissen moderner Hirnforschung zu ziehen sind, etwa diese: „Wenn Liebe und Haß, Vertrauen und Angst zurückgehen auf chemische Umsetzungen im Gehirn, wenn sie unabhängig von äußeren Erlebnissen steuerbar, wenn sie beliebig hervorzurufen oder ,abstellbar‘ sind, wenn man einem Menschen Glück und Schmerz eingeben kann wie eine Arznei oder aufzwingen kann durch einen elektrischen Reiz in seinem Gehirn – was bleibt dann noch von der ‚Göttlichkeit‘ zurück, die der transzendente Erfahrungsbereich‘ angeblich offenbart? Dann ist Gott auch aus diesem Rückzugswinkel verdrängt. Dann leben wir in einer verteufelt verstehbar gewordenen Seelenwelt, die Gott selbst zur Erklärung unserer Moral nicht mehr braucht.“

Erwin Lausch