Die Abneigung der Amerikaner gegen den Krieg in Vietnam ist im Wachsen. Nach den letzten Meinungsumfragen hat sich die Zahl derjenigen, die den Krieg so lange fortsetzen möchten, bis der Gegner einlenkt, seit Februar von 51 auf 37 Prozent verringert. Für einen baldmöglichen Abzug der US Truppen waren 34 von hundert Befragten, zehn mehr als im Frühjahr.

Die Gegner des Luftkrieges gegen Nordvietnam erhielten letzte Woche unverhoffte Unterstützung: Verteidigungsminister McNamara erklärte vor einem Kongreßausschuß, Nordvietnam könne nicht durch Bomben an den Verhandlungstisch gezwungen oder zur Einstellung seiner Hilfe für die Aufständischen in Südvietnam genötigt werden. Die Bevölkerung Nordvietnams sei an Disziplin und Entbehrungen gewöhnt und werde durchhalten. Ein totaler Bombenkrieg würde nur neue Risiken mit sich bringen; darum müsse es bei den begrenzten Angriffen bleiben, die lediglich Ergänzung, nicht Ersatz für die Operationen in Südvietnam sein dürften.

Für die geringe Wirkung der Luftoffensive gegen Nordvietnam führte der Minister frappierende Beispiele an: Obwohl 85 Prozent der zentralen Stromcnergiekapazität vernichtet wurden, wird — mit Hilfe von dieselgetriebenen Generatoren — genug Strom erzeugt. Im Hafen von Haiphong wurden alle Entladevorrichtungen für Treibstoffe zerstört, dennoch hat Nordvietnam einen Vorrat für 120 Tagen anlegen können. Der Nachschub nach Südvietnam wird zwar durch die Luftangriffe erschwert, aber nicht entscheidend behindert.

Ganz anderer Meinung waren die McNamara unterstellten hohen Militärs. Für die Fortsetzung und Verschärfung plädierten vor einem Ausschuß des Senats ® General Earle Wheeler, der Chef des gemeinsamen Stabes der Streitkräfte, ® Admiral Sharp, der Oberbefehlshaber der US Streitkräfte im Pazifik, ® General Harold Johnson, der Generalstabschef des Heeres, @ General Wallace Green, der Kommandeur der Marine Infanterie und ® General John P. McConnell, Stabschef der Luftwaffe.

Nach Meinung McConnells hätten die USA ohne Luftüberlegenheit noch 800000 Soldaten mehr als jetzt nach Südvietnam schicken und zusätzlich 300 Milliarden Mark ausgeben müssen. Die Luftangriffe auf Nordvietnam hätten 1965 den Versuch der Vietcong verhindert Südvietnam durch eine Offensive in zwei Teile zu trennen.

Die Bombenangriffe in der vorigen Woche waren stärker denn je. Nach Meldungen aus Nordvietnam wurde auch das Stadtzentrum von Hanoi schwer getroffen; rund hundert Zivilisten sollen allein bei einem Angriff umgekommen sein. Sehr hoch waren auch die Verluste der Angreifer: In einer Woche wurden über Nordvietnam sechzehn Flugzeuge abgeschossen.

In Washington vermutet man, daß die meisten MIG Jäger der Nordvietnamesen nunmehr von chinesischen Flugplätzen operieren. Zur gleichen Zeit aber beschuldigte Moskau die Chinesen, sie hätten mit den Amerikanern ein Stillhalteabkommen geschlossen: Peking wolle sich nicht in Vietnam einmischen, Washington China während der inneren Unruhen nicht noch mehr behelligen.