Lyndon B. Johnson hat mehr Feinde als Freunde

Washington, im September

Die Amerikaner haben den Labor Day und damit den Abschluß der dreimonatigen Schul- und Universitätsferien hinter sich; am Wochenanfang sind sie zu Millionen vom Strand, aus dem Gebirge oder von einer Überseereise nach Hause geströmt. Das ist in jedem Jahr der Augenblick, wo die Nation sozusagen ihre Ärmel hochkrempelt und sich wieder an die Arbeit macht: The country, nähere the action is – das Land, in dem was los ist.

Allerlei war „los“ schon in den vergangenen Wochen: die schwersten Rassenunruhen in der Geschichte der USA, die Enthüllungen im Senat über das halbe Fiasko der Kriegführung in Vietnam, die Ankündigung neuer Steuererhöhungen, das Abflauen des wirtschaftlichen Aufschwungs. Alles in allem ein recht bewölkter, regnerischer Sommer.

Vor der Tür stehen obendrein große Arbeitskonflikte in der Autoindustrie und die Auswirkungen der Stahlpreiserhöhungen, die sich nach einiger Zeit in der ganzen Wirtschaft fühlbar machen werden. Und in der Politik? Nach den Wahlen in Vietnam wird die Regierung erneut vor die Frage gestellt, ob sie noch einmal eine „Friedensoffensive“ wagen oder den Krieg in stumpfer Monotonie mit den bisher angewandten Mitteln ohne Aussicht auf ein baldiges Ende fortsetzen soll.

Die Folgen dieser Entwicklungen und Entscheidungen hat vor allem ein Mann zu tragen: Lyndon B. Johnson. Er hat nicht nur das Privileg außerordentlicher Befugnisse, er hat auch die Last außerordentlicher Verantwortung zu tragen. Amerikas Präsident hat zwar „das gottgegebene Recht, sich zu irren“, doch wird er dafür von der Öffentlichkeit unnachsichtlich zur Rechenschaft gezogen. Vergangene Verdienste zählen da nicht, Pardon wird nicht gegeben.

Johnson, hat zu lange in der Politik gesteckt, als daß er davon überrascht sein könnte, in der Gunst seiner Landsleute gegenwärtig weit nach unten abgerutscht zu sein. Für ihn gilt heute der alte, auf jeden amerikanischen Politiker gemünzte Scherz: „Geben Sie mir doch mal einen Groschen, ich will einen meiner Freunde anrufen“, sagt der Präsident zu einem Bekannten. „Hier haben sie zwei, Mr. President, dann können sie gleich alle ihre Freunde anrufen.“