Als „einen großen Schritt vorwärts“ feierte die Regierung in Washington den Ausgang der südvietnamesischen Präsidentschafts- und Senatswahlen. Wie nicht anders zu erwarten, wurden die Chefs der Militärjunta, Thieu und Ky, als Präsident und Vizepräsident gewählt. 34,9 Prozent der abgegebenen Stimmen entfielen auf General Thieu. Doch erhielten die zehn zivilen Gegenkandidaten zwei Drittel der Stimmen. Sieben von ihnen wollen das Wahlergebnis wegen Wählermanipulation und Stimmenbetruges anfechten.

Angeblich betrug die Wahlbeteiligung 83 Prozent. In Wirklichkeit waren es nicht einmal 50 Prozent, da in den von den Partisanen beherrschten Gebieten nicht gewählt wurde. Von den registrierten 5,8 Millionen Wahlberechtigten sind etwa eine Million Analphabeten. Nur 70 000 Vietnamesen hatten an Wahlkampfversammlungen teilgenommen. Viele Wähler wußten mit den 59 Stimmzetteln nichts anzufangen. Sie verließen sich auf ihr Gefühl oder den Rat der Beamten.

Das Militär hatte sich den größten Stimmblock von vornherein gesichert: 700 000 Soldaten und Offiziere samt Angehörigen und die vielen Beamten, die vom Militär abhängen und ihrerseits die Bezirke kontrollieren. Das Militär kontrollierte und bewachte die Wahlbüros. Keiner der zivilen Kandidaten hatte Mittel oder Anhänger genug, um die Auszählung in den Provinzen zu beobachten. So wird sich niemals feststellen lassen, wieviel Menschen tatsächlich an die Urnen gingen und wieviel Stimmen gekauft oder gefälscht oder erpreßt wurden.

In der Woche vor der Wahl hatte die „Nationale Befreiungsfront“ (NLF) vor aller Welt demonstriert, daß es in Südvietnam zur Zeit ohne sie keine politische Lösung geben kann. Im ganzen Land wurden Stützpunkte der Amerikaner und der südvietnamesischen Armee unter Mörserfeuer genommen. Fünf Provinzhauptstädte gerieten in die Schußlinie. Ein Husarenstück leisteten sich die Partisanen in der Stadt Quang Ngai, wo sie mehr als tausend gefangene „Vietcongs“ aus den Gefängnissen befreiten.

Mitte August hat die NLF ein neues Programm verabschiedet. Wichtigste Punkte: Freie allgemeine Wahlen, Schutz des Eigentums und Verteilung von Land an besitzlose Bauern. Abgesehen von zagen Ansätzen unter dem Diktator Diem Ende der 50er Jahre hat es in Südvietnam keine Bodenreform gegeben. Noch immer dürfen Grundbesitzer über 100 Hektar Land verfügen, und oft können sie über Familienbeziehungen ein Vielfaches dieses Besitzes in ihrer Hand vereinigen. Im Schutze der Amerikaner und der Pazifizierungskader, die in den Dörfern die Bauern aus der Gewalt der NLF befreien und für die Sache der Regierung gewinnen sollen, kehrten Grundbesitzer zurück, um den Bauern das Land wieder abzunehmen, das ihnen einst der Vietminh, der Vorläufer des Vietcong, geschenkt hatte. Noch immer gibt es Landherren, die von ihren Pächtern einen Zins von 60 Prozent eintreiben.

Senator Robert Kennedy meinte nach der Wahl in Südvietnam: „Ohne politische und wirtschaftliche Reformen, die das Vertrauen aller Bevölkerungsschichten erwecke, wird die Wahl nur sehr wenig bewirken und der Krieg mehr und mehr zu einer rein amerikanischen Angelegenheit werden.“ Sein republikanischer Kollege George Romney resignierte: „Wir können ihnen helfen, aber sie haben immer weniger und weniger getan, während wir immer mehr und mehr taten.“