Von Marcel Reich-Ranicki

Das ist ein außergewöhnliches Dokument. Denn dieser dringende, ja fast schon mahnende Appell, dieser aufschreckende und beschwörende Hilferuf, dieses „Manifest der tschechoslowakischen Schriftsteller an die Weltöffentlichkeit“, das in der vergangenen Woche aus Prag nach London geschmuggelt und am 3. September auf der ersten Seite der Sunday Times in vollem Wortlaut publiziert wurde, läßt sich nur bedingt mit jenen anderen Aktionen in osteuropäischen Ländern vergleichen, von denen wir in letzter Zeit oft zu hören bekamen.

Ob Andrej Sinjawskij oder Julij Danielj, ob Alexander Solschenizyn oder Andrej Wosnessenskij, ob Milovan Djilas oder Ladislav Mňačko oder die drei jungen sowjetischen Schriftsteller, die vor einigen Tagen in Moskau verurteilt wurden – sie alle handelten und handeln im eigenen Namen und auf eigene Rechnung: Ebenso wie Peter Huchel, Robert Havemann oder Wolf Biermann in der DDR sind auch sie repräsentativ und Einzelgänger zugleich.

Jetzt aber haben wir es mit einer Kollektivaktion zu tun, für die es in der kommunistischen Welt keine Vorbilder und Analogien gibt: Unterschrieben wurde dieses Manifest von nicht weniger als 183 tschechoslowakischen Schriftstellern, denen sich 146 Wissenschaftler, Künstler und Publizisten angeschlossen haben.

Wenn man bedenkt, daß die Tschechoslowakei ein kleines Land mit kaum mehr als 14 Millionen Einwohnern ist, dann ahnt man, daß hier die Quantität in die Qualität umschlägt: Ohne die 329 Intellektuellen, deren Namensliste sich in London, wie die Sunday Times mitteilt, „in sicherem Gewahrsam“ befindet, ist das geistige Leben des Landes schlechthin undenkbar.

Sie denken nicht daran, sich mit Anspielungen oder mit vorsichtigen Umschreibungen zu begnügen. Die Sprache des Manifests ist so deutlich und scharf, wie der Umfang der ganzen Aktion und ihre Konsequenz ungewöhnlich sind. In der Tschechoslowakei sei, heißt es, eine Situation entstanden, die die Unterzeichner nicht schweigend hinnehmen könnten, „ohne des Selbstverrats schuldig zu werden“.

Angefangen habe es bereits während des tschechoslowakischen Schriftsteller-Kongresses, der im Juni dieses Jahres in Prag stattfand. Damals wurde protestiert gegen die politische Zensur und gegen die Unterdrückung der Bürgerrechte, gegen den Antisemitismus der Regierung und gegen ihr Verhältnis zu Israel. Wer jedoch auf dem Kongreß für die Rede- und Gedankenfreiheit plädiert und die selbstverständlichen Rechte eines jeden Künstlers in einer demokratischen und humanitären Gesellschaft gefordert hatte, dessen Leben und persönliche Freiheit seien nunmehr in hohem Maße bedroht. Mehr noch: „Gegen die gesamte literarische Welt der Tschechoslowakei wurde eine Hexenjagd von ausgesprochen faschistischem Charakter entfesselt.“