An nahezu allen Börsen der Welt gab es in den letzten Tagen Kurssteigerungen. In den USA kletterte der Dow-Jones-Index wieder auf einen Stand von über 900. Die Politik des leichten Geldes, umstrittenes Mittel zur Konjunkturbelebung, sorgte an den Aktienmärkten für Aufwind. Damit büßten die deutschen Börsen ihre Sonderstellung ein, die sie während mehrerer Wochen innehatten. Ausländisches Spekulationskapital fließt nur spärlich über die Grenzen der Bundesrepublik. Das wird wieder anders werden, wenn die internationalen Anlageexperten zu der Überzeugung kommen sollten, daß die Gewinnchancen bei den deutschen Aktien größer sind als anderswo. Chancen dafür sind vorhanden, falls die Bundesregierung ihre mittelfristige Finanzplanung unverwässert vom Bundestag genehmigt erhält. Der „Schwarze Börsenpeter“ liegt also wieder einmal in Bonn.

Es spricht für die solide Verfassung des deutschen Aktienmarktes, daß sich seine Kurse auch an den umsatzschwächeren Tagen recht gut behaupteten. Kurseinbrüche, wie wir sie in den letzten Jahren bis zum Überdruß kennengelernt hatten, sind bisher ausgeblieben. Dafür sorgten fast ausschließlich die inländischen Aktienkäufer. Sie gehen davon aus, daß wir in den nächsten Monaten eine weitere Aufwärtsbewegung der Kurse erleben werden, mit Sicherheit – so meinen sie – im nächsten Frühjahr, wenn zu der saisonalen Belebung die Auswirkungen der staatlichen Konjunkturspritzen treten.

Wer heute Aktien kauft, ist in der Lage, sie im Frühjahr unbelastet von der Spekulationssteuer wieder abzustoßen. Spekulationsgewinne bleiben bei Aktien dann steuerfrei, wenn zwischen dem Erwerbs- und Verkaufszeitpunkt mehr als sechs Monate liegen. Im September gekaufte Papiere wären im Laufe des kommenden März von dieser Sperre wieder befreit.

Die so rechnenden Käufer bevorzugen die „sicheren“ Papiere, also vornehmlich die großen Elektrowerke AEG und Siemens, die Aktien der Großchemie und der Großbanken. Daneben erfreuen sich trotz der jüngsten Kurssteigerungen immer noch die Aktien der Elektroversorgungsunternehmen großer Beliebtheit. Als besonders preiswert werden die RWE-Aktien angesehen, deren Kurse unter Druck liegen, weil sich offenbar kommunale Aktionäre durch Verkauf flüssige Mittel beschaffen. K. W.