Von Willi Bongard

Angenommen, ein deutscher Geschäftsmann, dessen Herz ausnahmsweise nicht nur für Umsatzstatistiken und Bilanzen, sondern außerdem noch für die Kunst der Gegenwart schlägt, habe sich für vierzehn Tage in die Vereinigten Staaten aufgemacht, um dort neue Geschäftsverbindungen anzuknüpfen oder seine Spesen sonstwie zu rechtfertigen. Am letzten Tag vor seiner Rückreise von New York City komme es ihm in den Sinn, die Gelegenheit wahrzunehmen, sich einen Überblick über die zeitgenössische, insbesondere die amerikanische Kunstproduktion zu verschaffen, um möglicherweise sogar eine bemalte Leinwand mit nach Hause zu nehmen. Nichts einfacher als das.

Unser Geschäftsmann braucht sich nur ein Taxi zu nehmen, sich zur 57. Straße chauffieren und dort irgendwo zwischen der Park Avenue und der Sixth Avenue absetzen zu lassen. Die restlichen Entfernungen lassen sich unschwer per pedes apostolorum überwinden. Im Umkreis von noch nicht einer Meile findet er fast alle der dreißig bis vierzig Galerien, die es wert sind, einen Blick hineinzutun.

Allein auf der 57. Straße gibt es mehr als ein halbes hundert Kunstgalerien, von denen es sich – unter dem Gesichtspunkt zeitgenössischer Kunst – mindestens fünfzehn zu besuchen lohnt, darunter so bedeutende wie Janis, Emmerich, Pace, Dwan, Wise, Fischbach, Egan, Matisse, Frumkia, Parsons, de Nagy, Bianchini und last not hast die Marlborough-Galerie, die größte Filiale des größten Kunst-Supermarkts der westlichen Welt.

Sollte unser kunstsinniger Geschäftsmann in Zeitnot geraten und vor seinem Abflug nur eine Stunde erübrigen können, um seiner Kunstleidenschaft zu frönen, so könnte er sich zur Not auf ein einziges Gebäude auf der 57. Straße, das Fuller-Building nämlich, konzentrieren, das immerhin acht bedeutende Galerien unter einem Dach beherbergt. Sollte er dagegen zwei volle Tage erübrigen können, so dürfte er bei einiger Anstrengung auch noch zwanzig Galerien auf der Madison Avenue und möglicherweise sogar noch das Museum of Modern Art, das Whitney-Museum und das Guggenheim-Museum „schaffen“...

Mit einem Wort, in New York City, genauer noch, in Manhattan, sind die Kunstgalerien beinahe so dicht gedrängt wie die Gemüsestände auf dem Münchener Viktualienmarkt. Wenn man bedenkt, daß hier außerdem an die fünfzigtausend Künstler schaffen, daß hier die bedeutendsten Museen und privaten Kunstsammlungen zu Hause sind, ein halbes Dutzend Kunstzeitschriften redigiert werden und das größte amerikanische Auktionshaus, Parke-Bernet, seinen Sitz hat, dann begreift man erst so recht, was uns in Westdeutschland fehlt, eben ein Kunst(handels)zentrum, das sich solcher Bezeichnung würdig erweist.

Ein amerikanischer Geschäftsmann und Kunstfreund (eine Kombination übrigens, die in der Neuen Welt mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit anzutreffen ist als irgendwo sonst), der sich für vierzehn Tage in die Bundesrepublik aufmacht und sich nebenbei über das Angebot auf dem deutschen Kunstmarkt informieren möchte, der Ärmste, er würde schrecklich in die Bredouille geraten oder er müßte seinen Aufenthalt um mindestens weitere vierzehn Tage verlängern.