Ilja Ehrenburg ist tot, Ehrenburg, der weit über die Grenzen der Sowjetunion hinaus bekannte Journalist, Publizist und Autor zahlreicher Romane, die sich einst auch in Deutschland großer Beliebtheit erfreuten und die heute nahezu unbekannt sind; Autor einer Novelle, deren Titel „Tauwetter“ viele im Munde führen, ohne zu wissen, wem sie das Schlagwort verdanken; Autor heiß debattierter Memoiren, die ihn noch einmal in den Mittelpunkt des Interesses rückten; ein Autor, dessen ganzes Werk mehr oder weniger autobiographisch ist.

Ehrenburg gehört zu der Generation Boris Pasternaks; er war zwölf Jahre jünger als Stalin, an dessen Entmythologisierung er so entscheidenden Anteil hatte; er war vierzehn Jahre älter als Michail Scholochow. Ehrenburg wählte nicht, wie Marina Zwetajewa oder Pasternak, das Exil oder die „innere Emigration“; er verstand es, sich in den Mittelpunkt politischer Auseinandersetzungen zu stellen, er versuchte dort, als Angehöriger der Intelligenzija und vielleicht einer ihrer typischen Vertreter, im Rahmen des Möglichen einen eigenen Standpunkt zu vertreten.

Geboren 1891 in Kiew als Sohn nicht eben armer Eltern, aufgewachsen in Moskau. Wegen revolutionärer Umtriebe von der Schule gejagt, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und von der Familie nach Frankreich abgeschoben. Sein erster Gedichtband, erschienen noch vor dem Ersten Weltkrieg, knüpft an die bürgerlichen Tracitionen an. Ehrenburg spielt mit dem Gedanken, in ein Kloster, dann, in die Fremdenlegion einzutreten. Während des Weltkriegs ist er an der Westfront Kriegsberichterstatter. Die Oktoberrevolution inspiriert ihn zu einem Protest in Gedichtform, dem „Gebet an Rußland“; in seine Heimat zurückgekehrt, lebt er während des Bürgerkriegs bei den „Weißen“. In Moskau wird er verhaftet. 1921 begrüßt er die Revolution, geht jedoch wieder nach Frankreich, von wo aus er nach Belgien ausgewiesen wird. Der 1922 in Berlin veröffentlichte Roman „Die ungewöhnlichen Abenteuer des Julio Jurenito“ ist eine beißende Satire auf die unmittelbar vergangene Gegenwart.

Es blieb nicht bei dem einen Roman, andere, größtenteils schwächere, folgten; die Produktivität des Schriftstellers Ehrenburg in den zwanziger und dreißiger Jahren grenzt an Graphomanie.

Die Jahre 1936/37 verbringt Ehrenburg als Kriegsberichterstatter in Spanien. Für seinen Roman „Der Fall von Paris“ erhält er 1941 den Stalinpreis, er erhält ihn noch einmal für sein Kriegsbuch „Der Sturm“, das Ehrenburgs Erfahrungen als Kriegsberichterstatter im Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion gegen den Hitlerfaschismus verarbeitet. 1954 die Novelle „Tauwetter“, 1956 im Almanach „Das literarische Moskau“ ein Aufsatz über die große, offiziell in der Sowjetunion lange Zeit verfemte Lyrikerin Marina Zwetajewa. Von 1960 bis 1963 veröffentlicht er die Memoiren, Selbstinterpretation eines Lebens, in dem einiges an Gegensätzlichkeiten, Widersprüchen und Extremen Platz gehabt hatte.

Mit entsprechend vielen Vorwürfen hatte sich Ehrenburg denn auch zeit seines Lebens auseinanderzusetzen, Vorwürfen, die in der Hauptsache Ehrenburgs politische Einstellung betrafen.

Ein Deutschenhasser, so hieß es – meistens bei denjenigen, die allen Grund hätten, darüber nachzudenken, ob die Deutschen zwischen 1941 und 1945 wirklich so liebenswert waren, als daß ihnen ein Russe einen freudigen Empfang hätte bereiten sollen. Einer, der „als Kriegskorrespondent in Spanien gelernt (hatte), nur dasjenige zu sehen und zu berichten, was Stalin genehm war“. Das hört sich so an, als hätte Ehrenburg nicht Format genug gehabt, aus eignem Antrieb die Greuel der Franco-Faschisten zu schildern.