Der Ölstrom aus dem Nahen Osten fließt wieder. Unter dem Druck der leeren Kassen hat sich die Mehrzahl der arabischen Länder dazu entschlossen, die Förderung und – das ist die logische Konsequenz dieses Beschlusses – die Lieferung wieder aufzunehmen (siehe auch Seite 41). Alle Bedenken, die je wegen der Versorgungssicherheit bestanden haben, sind damit endgültig ausgeräumt.

Doch das Nachgeben der Ölländer des Nahen Ostens ist nicht die entscheidende Überraschung der Nahost-Krise. Vielmehr war von vornherein damit zu rechnen, daß der Ausfall des Devisenstroms für die Öllieferungen – vielfach die einzige Finanzquelle arabischer Länder – einen stärkeren Einfluß auf die Entscheidungen ausüben würde, als die nur mühsam gekittete arabische Solidarität.

Das eigentlich überraschende ist dagegen, daß die deutschen Kunden der Mineralölindustrie offenbar fest darauf vertraut haben, daß die Versorgung nicht gefährdet sei. Das ist eindeutig ein Erfolg für die Mineralölwirtschaft. Denn das Öl wird nicht mehr – wie es der Bergbau gern hätte – als Energiequelle mit Risiko angesehen. Zweimal – während der Suez-Krise und während der jüngsten Nahost-Krise – haben unsere ölversorger bewiesen, daß der Ölstrom nicht versiegt, wenn einige Quellen verstopft werden.

Freilich – gratis gibt es diese Sicherheit nicht. Wenn sich die Bezugsquellen für Öl ändern, wenn die Tanker statt durch den Suezkanal um das Kap der Guten Hoffnung fahren müssen, dann steigen zwangsläufig die Preise für Rohöl und damit auch die Preise für Ölprodukte. Die Verbraucher von Benzin und Heizöl haben das zu spüren bekommen: Sie mußten den Liter mit rund fünf Pfennig mehr bezahlen als vor der Krise.

Während das beim Benzin nicht zu umgehen war, traten die privaten Heizölverbraucher jedoch in einen Käuferstreik. Bei Ausbruch der Krise wurde zu den alten oder nur wenig erhöhten Preisen fleißig gebunkert – dann aber blieben die Einfüllstutzen der Öltanks verschlossen. Das Pokerspiel um die Ölpreise begann. Im August wies die Mineralölindustrie „besorgt“ darauf hin, daß die Tanks im Schnitt nur zu 73 Prozent (gegenüber 83 Prozent im Vorjahr) gefüllt seien. Der Wink war deutlich – wer jetzt nicht kauft, kann im Winter in Bedrängnis kommen –, aber die Verbraucher standen weiter Gewehr bei Fuß.

Sie taten gut daran, denn bald bequemten sich die Ölfirmen zu Rabatten. Sie saßen – und sitzen – auf vollen Lägern; die Raffinerien können nicht voll arbeiten, weil für die Fertigprodukte keine Lagerkapazität zur Verfügung steht. Auch der Hinweis, daß der Rabatt nur für einen begrenzten Zeitraum gewährt werde, fruchtete wenig.

Die Ölverbraucher haben gut pokern. Sie können sich allenfalls im Preis verkalkulieren – Furcht vor kalten Füßen brauchen sie nicht zu haben. Die Mineralölindustrie aber hat das Nachsehen. Sie hat vernünftigerweise nicht die Angst der Verbraucher genährt, muß das möglicherweise aber damit bezahlen, daß ein Teil der Kostenerhöhung zu ihren Lasten geht. Das sollte ihr aber kein zu hoher Preis für den gleichzeitig erzielten Vertrauensgewinn sein.

Heinz-Günter Kemmer