Bonn, im September

Ausgerechnet im SPD-freundlichen Schweden erlitt der sozialdemokratische Außenminister Willy Brandt eine diplomatische Panne: Schwedische Zeitungen entlarvten dendeutschen Botschafter in Stockholm, Gustav von Schmoller, als ehemaligen Mitarbeiter in der Zentrale des SS-Obergruppenführers Reinhard Heydrich, einst Chef des Reichssicherheitshauptamtes und "Reichsprotektor" von Böhmen und Mähren. Gerüchte über die braune Vergangenheit des deutschen Diplomaten waren schon im vergangenen Mai während der Göteborger Messe von östlichen Diplomaten ausgestreut worden. Das Auswärtige Amt in Bonn dementierte jedoch damals: "Der Personalabteilung ist nichts bekannt." Zwei Monate später hatten sich die Gerüchte freilich zu einem handfesten Vorwurf verdichtet.

Kurz nachdem Gustav von Schmoller im Juli Stockholm verlassen hatte, um in der Lüneburger Heide Erholung zu suchen, erklärte das linksradikale Schwedenblatt "Tidsignal" seine Leser über Schmollers Einsatz im Dritten Reich auf: Schmoller habe sich unter Heydrich nationalsozialistische Meriten erworben und in seiner Doktorarbeit dafür plädiert, neutrale Staaten in einem neu zu ordnenden Europa notfalls mit Gewalt zu unterjochen. Schwedens führende Zeitung "Aftonbladet" hielt sich indessen zurück. Der Regierung lag daran, die deutsch-schwedischen Beziehungen nicht unnötig zu belasten. Bonn wollte die Affäre ohnehin "diplomatisch" aus der Welt schaffen.

Tatsächlich war Außenminister Brandt schon seit langem mit der deutschen Vertretung in Schweden unzufrieden. Die Handelsvertretung der DDR entfaltete häufig mehr diplomatische Aktivität als die deutsche Botschaft. Auf der Göteborger Messe zum Beispiel mußte sich der deutsche Generalkonsul von Brandts parlamentarischem Staatssekretär Gerhard Jahn vorwerfen lassen, daß der Messestand der Bundesrepublik im Vergleich zu dem der DDR überaus dürftig sei. Peinlich berührt waren die westdeutschen Veranstalter auch davon, daß der schwedische König dem Ostberliner Stand ungewöhnliche Aufmerksamkeit widmete, den der Bundesrepublik jedoch kaum beachtete. Ein Revirement in Schweden wurde immer dringender. Noch ehe Bonn aber in aller Stille operieren konnte, erfuhr auch die deutsche Öffentlichkeit durch die "Frankfurter Rundschau" von Schmollers Vergangenheit; und nun gaben auch die übrigen großen Blätter in Schweden ihre Zurückhaltung auf.

Der heute 60jährige Diplomat, Parteigenosse seit dem 1. 5. 1933, hatte seine Karriere als Regierungsassessor im Reichswirtschaftsministerium begonnen. 1937 verließ er den Staatsdienst und ging für zweieinhalb Jahre in die freie Wirtschaft. In seinem von ihm selbst – 1944 – verfaßten Lebenslauf heißt es weiter: "Am 22. November 1939 bin ich in den Staatsdienst zurückgekehrt und war von diesem Zeitpunkt bis 1. März 1941 bei der Behörde des Oberlandrats in Pilsen, bei der ich zuletzt mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Oberlandrates betraut war." Danach avancierte Schmoller in Heydrichs Verwaltung zum Oberregierungsrat in der Hauptabteilung "Wirtschaft und Arbeit".

Im Bulletin des Bonner Presseamtes liest sich Schmollers amtlicher Lebenslauf freilich exakter. Dort heißt es: "In der Zeit von 1935 bis 1939 war Dr. von Schmoller im Reichswirtschaftsministerium und im Stickstoffsyndikat Berlin und nach kurzem Kriegsdienst bis Kriegsende in der Wirtschaftsverwaltung tätig." In der Nachkriegszeit arbeitete er in der Staatskanzlei in Württemberg-Hohenzollern und trat dann 1952 in den auswärtigen Dienst ein. Bevor er 1964 Botschafter in Schweden wurde, war er an der deutschen Botschaft in Athen (1956–1960), in der politischen Abteilung des AA (1960–1962) und als Generalkonsul in Istanbul (1962–1964).

Schmollers NS-Vergangenheit war den eingeweihten Kreisen in Schweden zwar bekannt, nicht aber seine Doktorarbeit über "die Neutralität im gegenwärtigen Strukturwandel des Völkerrechts", worin er sich – im Alter von 37 Jahren – zum Sprecher der Großraumpolitik Hitlers machte. Schmoller schrieb damals: "Es spielt keine Rolle, ob diese Entscheidung (die Abschaffung der Neutralität kleiner Staaten) durch friedliche Mittel, etwa durch einen Schiedsspruch, herbeigeführt oder ob sie mit Waffengewalt erzwungen werden muß. Auch im letzteren Falle würde es sich nicht um Krieg..., sondern um Exekution handeln." Schmollers "Exekution" wären zum Beispiel die neutrale Schweiz und das neutrale Schweden zum Opfer gefallen, hätte Hitler den Krieg gewonnen. Einer der Gutachter für seine Doktorarbeit war der Staatsrechtsideologe des Dritten Reiches, Professor Carl Schmitt.

Nach den Attacken der Zeitungen erklärte das Auswärtige Amt: "Die Beschuldigungen sind nicht neu und schon früher geprüft worden, die Untersuchungen haben nichts Konkretes ergeben." Die Rücktrittsabsichten Botschafter von Schmollers werden daher auch nicht mit seiner Affäre begründet, sondern mit dem schlechten Gesundheitszustand des Diplomaten: "Der Botschafter ist sehr krank." Wolfgang Hoffmann