Ruhpolding

Ruhpolding hat 6393 ständige Einwohner, eine Brillenfabrik, 14 Sägewerke, 52 Wirtschaften und Hotels, sieben Nachtbars, fünf Kirchen, acht Andenkengeschäfte, fünf Taxis, viel oberbayrische Gebirgslandschaft und einen Bahnhof mit zwei Bahnsteigen und vier Abstellgleisen, hinter dem alle Schienen enden. Das Bahnhofsgebäude ist, wie es sich für einen Gebirgsort geziemt, mit Felsgestein verkleidet. Am Vordach hängen Kästen mit bunten Geranien. Der Bahnhofsvorstand schaut die Gleise entlang in die Ferne. Es ist Sonntag. Vom Ruhpoldinger Kirchturm schlägt die Uhr elfmal.

Kurz nach elf kommen die Fremden. Aus den Liegewagen des Touropa-Fernexpreß aus Hamburg und Bremen quellen 304 urlaubshungrige Gäste. Hinter der Sperre nehmen die wartenden Vermieter ihnen Reisesäcke und Koffer ab, die sie auf Handwagen und Autos verfrachten. Der fast zweieinhalb Zentner schwere Sepp Zeller, angetan mit kurzen Lederhosen, weißem Hemd, grüner Trachtenweste und einer silbernen Kette vor dem Bauch, stößt einen gebirglerischen Begrüßungsjuchzer aus und schwenkt seinen Trachtenhut samt Gamsbart. Dann verteilt er Quartierscheine.

Dieses Schauspiel wiederholt sich pro Jahr rund 150mal – mittwochs und sonntags. Aus Ruhpolding macht es seit einem Jahrzehnt unverändert den Zielort der „meistgekauften Gesellschaftsreise Deutschlands“. Und jedesmal wird im Verkehrsamt der Gemeinde fein säuberlich die Fremdenbilanz auf den neuesten Stand gebracht.

Rektor Anton Stengl, Vorsitzender des Verkehrsvereins, gibt die neuesten Zahlen bekannt: 6766 Gäste sind da, fast 400 mehr als am gleichen Tag des Vorjahres und genau 373 mehr, als das Dorf Einwohner hat. Im ganzen vergangenen Jahr kamen insgesamt 65 000 Urlauber. Diesmal werden noch mehr erwartet. Nur eins macht den Ruhpoldingern Sorge: Die Sommerfrischler geben nicht mehr so viel Geld aus wie zuvor. Von Umsatzrückgängen bis zu fünfzehn Prozent wird geredet.

Den Zeller Sepp ficht das weniger an. Seine Trinkgelder fließen nach wie vor reichlich, in klingender wie in flüssiger Form. Der Sepp, der soeben vierundsechzig wurde, schüttet täglich bis zu 25 Liter Bier in sich hinein. „Aber nur, wenn ich in Hochform bin“, sagt er. Im Durchschnitt werden es 10 bis 15 Liter sein. Kein Wunder, denn Reden macht durstig. In seiner Rolle als Begrüßungs-Bayer, Ruhpoldinger Original und Fremdenführer muß der Sepp viel reden. Zum Beispiel beim montäglichen Begrüßungsreden im Kurhaus mit anschließender Ortsbesichtigung: „Ich begrüß Euch auf das Herzlichste... Ihr bringt recht viel Geld, wenn Ihr keins mehr habt, fahrt Ihr sowieso wieder weg ...“ Den Sommerfrischlern macht das Spaß.

Der Sepp vergißt nie, die Gäste auf den schönen Promenadenweg in den Auen der Traun hinzuweisen, der den Namen des verstorbenen Ruhpoldinger Ehrenbürgers Dr. Carl Degener trägt. Degener gilt als „Entdecker“ des Dorfes. Seine Rolle als wundersamer Fremdenvermehrer für Ruhpolding begann im Frühjahr 1933. Bis dahin hatte sein Berliner Reisebüro preiswerte Bahnreisen nach Golling veranstaltet, einem kleinen Ort im Salzburger Land. Aber plötzlich verlangte die Reichsregierung von jedem Österreich-Reisenden die Hinterlegung einer Kaution von 1000 Reichsmark. An die volkstümlichen Reisen über die Grenze war nicht mehr zu denken. Da fiel Degener ein Ersatz ein: Ruhpolding.