Von Marianne Kesting

Marguerite Duras ist überzeugte Kommunistin. Aber in ihren Romanen spielt dieses Bekenntnis keine große Rolle, ja, sie zieht einen Trennungsstrich zwischen der literarischen und der politischen Äußerung. Doch verrät sie politischen Blick.

Die spätbürgerliche Verfeinerung, die Lebensmüdigkeit, die stille Melancholie ihrer Figuren scheint eher im proustschen Milieu daheim; ihre Schreibweise, wäre sie nicht zuweilen von manchen unverkennbar modischen Zügen bestimmt, könnte auch die der Jahrhundertwende sein. Besonders gilt das für ihren letzten Roman –

Marguerite Duras: „Der Vize-Konsul“ (Originaltitel: „Le Vice-Consul“), aus dem Französischen von Walter Maria Guggenheimer; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 205 S., 18,– DM

der im vorigen Jahr in Frankreich erschien und bereits jetzt – in vorzüglicher Übertragung – bei uns vorliegt.

Marguerite Duras wurde 1914 in Saigon geboren und übersiedelte erst 1932 zum Studium nach Frankreich. Ihre Jugend wurde von jener Sphäre geprägt, die nun, nach Kalkutta transponiert, im „Vize-Konsul“ wieder auftaucht: einer Enklave von Europäern inmitten eines Landes, in dem Wirren und Elend herrschen. Sie leben in der fast insularischen Abgeschlossenheit ihrer luxuriösen Villen und Parks, sie spielen Tennis, sie geben ihre Empfänge, deren Essensreste draußen an die Hungernden verteilt werden, sie sind mit ihrer Karriere, ihren Liebesgeschichten, ihren inneren Konflikten beschäftigt, sie spielen Schubert.

Aber niemand scheint froh. Über allen lastet „dieses Indien“, dessen mörderisches naß-heißes Klima kaum durch die vielen Ventilatoren ferngehalten wird, dessen Elend bis an die Parks ihrer Villen dringt. Draußen ist die Hölle, aber drinnen, in der Enklave, die den Hungernden und Verarmten als ein fernes Paradies erscheint, schwelt unter der Oberfläche eine sonderbare Bedrückung und Melancholie. Davon handelt dieser Roman.