Von Jörg Andrees Elten

Tel Aviv‚ Anfang September

Miß Caroline, die spröde Dame im Pressebüro der israelischen Armee zu Tel Aviv, stellt den Passierschein innerhalb von Minuten aus. Das grüne Dokument berechtigt uns für die nächsten drei Wochen, die besetzten Gebiete in den Grenzen des „ehemaligen“ Palästina ohne offizielle Begleitung zu bereisen. Die Reisegenehmigung schließt darüber hinaus auch die ägyptische Mittelmeerküstenstadt El Arisch und einen Teil der von Israel eroberten Gebiete an der syrischen Grenze ein. Mit anderen Worten: Der Passierschein gestattet freie Bewegung in jenen eroberten arabischen Gebieten, die Israel besonders am Herzen liegen.

Ausländische Diplomaten und Politiker mögen der Ansicht sein, daß die Zukunft dieses Besatzungsterritoriums ungewiß ist. Israels Besatzungsstrategen aber – die Politiker, Landwirtschaftsexperten, Wirtschaftsfachleute und die Männer des Sicherheitsdienstes – finden, daß sie es sich nicht leisten können, unbesorgt von einem Tag in den anderen zu leben. Sie planen langfristig.

Das Budget für die Militärregierung von Westjordanien zum Beispiel wird gerade in diesen Tagen bis einschließlich 1968 festgelegt. Israelische Agronomen haben bereits die Anbauflächen am Westufer des Jordan so verplant, daß es im nächsten Jahr nicht zu einer Konkurrenz zwischen arabischen Bauern und jüdischen Kibbuz-Farmern kommen kann. Und die Fremdenverkehrsstrategen beziehen die arabische Hotelkapazität der Besatzungszone in ihre Planungen für die nächste Frühjahrs- und Herbstsaison mit ein.

Während die Planer unbeeinflußt vom politischen Tagesgeschehen arbeiten, normalisiert sich das Leben in der Besatzungszone überraschend schnell. Die Spuren des Sechs-Tage-Krieges sind fast ganz verschwunden. Die abgeschossenen Panzer, Jeeps und Lastwagen sind weggeräumt. Die brauchbaren Beutefahrzeuge stehen jetzt auf einem großen Gelände bei Ramleh an der Straße von Tel Aviv nach Jerusalem: Hunderte von brandneuen ägyptischen Militärlastwagen sowjetischer Bauart verrotten in der Sonnenglut. Israel hat weder Bedarf für sie noch genug Mechaniker, die sie in Schuß halten könnten. Während wir an dem Beutelager vorüberfahren, sagt David, ein Student, den wir bis Jerusalem mitnehmen: „Vielleicht könnte man sie für den halben Preis an Nasser zurückgeben...“

In Jerusalem haben die arabischen Autos inzwischen blaue israelische Nummernschilder erhalten – ein augenfälliges Zeichen dafür, daß die Einverleibung des arabischen Teils dieser Stadt vollendete Tatsache ist. Sie wird sogar von dem amerikanischen Nachrichtenmagazin „Newsweek“ anerkannt. Denn Senior-Editor Arno Borchgrave, der gerade einen großen Bericht über die besetzten Gebiete vorbereitet, klammert den arabischen Teil Jerusalems aus seinen Recherchen aus. „Wir betrachten ganz Jerusalem als Bestandteil Israels“, sagte er.