Von Lothar Call

Name und Werk des zu seiner Zeit hochberühmten Literaturhistorikers und Geschichtsschreibers Georg Gottfried Gervinus (1805–1871) sind heute fast ganz versunken. Seine vielbändige, zu seinen Lebzeiten in fünf Auflagen verbreitete „Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen“ – ein erster großer Versuch, die Literatur nicht isoliert, sondern im Zusammenhang der geistigen, politischen, ja selbst der wirtschaftlich-sozialen Bewegungen der Zeit zu sehen – wie auch seine „Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts seit den Wiener Verträgen“ verstauben in den Bibliotheken und werden nicht einmal mehr von Spezialisten benutzt. Selbst die „Einleitung“ zu dieser Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, die zu den meistgelesenen und meistdiskutierten Büchern der Zeit gehörte und ihrem Verfasser einen Hochverratsprozeß und den Entzug der Lehrbefugnis an der Heidelberger Universität einbrachte, findet höchstens noch als Zeitdokument Beachtung.

In einem geistvollen, mit großer Verve geschriebenen Nachwort zu einer Neuausgabe dieser „Einleitung“

Georg Gottfried Gervinus: „Einleitung in die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts“, herausgegeben von Walter Boehlich; Insel-Verlag, Frankfurt; 216 S., 7,– DM

unternimmt es Walter Boehlich, das Urteil der desinteressierten Nachwelt als ungerecht und symptomatisch zugleich zu decouvrieren – symptomatisch sowohl für die Entwicklung der politischen Überzeugungen des deutschen Bürgertums wie für die nach der Reichsgründung dominant werdenden Tendenzen der historischen Wissenschaften in Deutschland.

In der Tat kann man eine Parallele sehen zwischen dem Verdikt, das die Literatur- wie die Geschichtswissenschaft mit wenigen Ausnahmen über die Werke von Gervinus gefällt hat, und der Abkehr des deutschen Bürgertums von den liberalen und demokratischen Idealen des Vormärz und der Revolution von 1848 nach 1866 bis 1870, den Idealen also, die Gervinus so nachdrücklich vertreten hatte und an denen er im Unterschied zu seinen einstigen Anhängern und Bewunderern bis zu seinem Tode festhielt. Nur zu bereitwillig vernahm man jetzt hier, was seine wissenschaftlichen Gegner Karl Hillebrand, Heinrich von Treitschke, aber auch Leopold von Ranke gegen den Mann vorbrachten: daß er politisch wie auch wissenschaftlich ein starrer und enger Doktrinär gewesen sei, daß die Mehrzahl seiner Thesen einer Überprüfung nicht standhielten. Und nur zu bereitwillig benutzte diese konservative Richtung der deutschen Geschichtswissenschaft die ihr günstige Zeitströmung, das Feld ganz zu besetzen, das sie bisher mit der von Spittler und Schlosser herkommenden, aufklärerisch-liberalen, westlich orientierten Richtung hatte teilen müssen, deren letzter großer Vertreter Gervinus war.

Sie tat das freilich, wie Boehlich zu Recht hervorhebt, anders als Gervinus, der seinen eigenen politischen Standort stets scharf bezeichnet hatte, nicht mit offenem Visier. Vielmehr erhob sie den Anspruch, von einem von allen politischen Bindungen losgelösten Standpunkt objektiver Wissenschaft zu verurteilen, und verabsolutierte damit die eigene ideologische Position, die nach 1870 mehr und mehr an Boden gewann. Nietzsche stand dieser Entwicklung gegenüber schon 1873 auf verlorenem Posten, wenn er in der zweiten seiner „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ forderte: „Der Ursprung der historischen Bildung – und ihres innerlich ganz und gar radikalen Widerspruchs gegen den Geist einer ‚neuen Zeit‘, eines ‚modernen Bewußtseins‘ – dieser Ursprung muß selber wieder historisch erkannt werden, die Historie muß das Problem der Historie selbst auflösen, das Wissen muß seinen Stachel gegen sich selbst kehren.“