Die Vorstellung, das Individuum sei in dem Augenblick, in dem die Eizelle befruchtet wird, vollständig determiniert, ist immer noch weit verbreitet. Dieser „genetische Fatalismus“ ignoriert die vielfältigen Prozesse, die die Entwicklung vom Ei bis zum selbständigen, ausgewachsenen Organismus steuern. Es sind jene Prozesse, um deren Aufklärung sich die experimentelle Embryologie bemüht.

Jahrelang experimentierte man in diesem Zweig der Wissenschaft an solchen Tieren, in deren frühe embryonale Entwicklung man besonders leicht eingreifen konnte, zum Beispiel mit wirbellosen Seetieren, Hühnern, vor allem mit Fröschen. Doch so eindrucksvoll diese Versuche waren – etwa die Entstehung grotesker Kaulquappen-Monstren aus Froscheiern, die manipuliert worden waren –, es war kaum vorstellbar, die Resultate auf die Vorgänge bei der menschlichen Entwicklung zu übertragen.

Überdies stellte sich fast immer heraus, daß sich gerade die für embryologische Experimente gut geeigneten Spezies nur in seltenen Fällen im Labor zu erwachsenen, fortpflanzungsfähigen Tieren heranzüchten ließen, und das ist eine Voraussetzung für subtilere genetische Studien.

In den letzten zwanzig Jahren jedoch sind Techniken erarbeitet worden, die es gestatten, in die Embryonalentwicklung der Labormaus einzugreifen, eines Versuchstieres, das für genetische, zellbiologische und immunologische Studien sowie bei der Krebsforschung von jeher verwendet wird. Die Entwicklung von Mäusen und Menschen nämlich verläuft – von der freilich sehr unterschiedlichen Bildung des Gehirns abgesehen – im Prinzip ähnlich.

Dem genetischen Fatalismus widerspricht allein schon, daß es nicht einmal eine eindeutige Zuordnung zwischen der Zahl der befruchteten Eier und den daraus entstehenden Lebewesen gibt. Unter bestimmten Umständen kann ein Ei mehrere Organismen hervorbringen, aber es kommt auch vor, daß aus mehreren Eiern nur ein Individuum entsteht. Wenn zwei Eizellen oder Embryonen im frühen Lebensstadium eng beieinander gehalten werden, verschmelzen sie zu einem einzigen Organismus; umgekehrt kann man einen Embryo am Anfang seiner Entwicklung so in zwei Hälften trennen, daß beide sich zu intakten Lebewesen entwickeln. Freilich gibt es Fälle, in denen dies nicht gelingt; zum Beispiel führt die Trennung des befruchteten Eies einer bestimmten Wurmart dazu, daß zwei nur halbe; Würmer heranwachsen; doch das kommt bei Wirbeltieren nicht vor.

In diesem Zusammenhang sind die (im nebenstehenden Artikel ausführlich geschilderten) Untersuchungen interessant, die Dr. Beatrice Mintz am Krebsforschungsinstitut in Philadelphia angestellt hat.

Ihr gelang es, frühe Embryonen einer Maus miteinander zu verschmelzen und sie dann einem anderen Mäuseweibchen in den Uterus einzupflanzen. Hier entwickelten sich diese Komplexe zu lebensfähigen Tieren. Als Dr. Mintz auf diese Weise Mäuse aus Inzuchtstämmen verschiedenfarbiger Felle miteinander kombiniert hatte, entstanden scheckige Mäuse – ein klarer Beweis dafür, daß sich hier in der Tat zwei Embryonen zu einem einzigen Individuum vereinigt hatten.